Valparaiso, Chile: Das Haus des Dichters

Valparaiso ist angesagt. Die alte Hafenstadt, auf 45 Hügeln erbaut, ist bunt, quirlig, heruntergekommen und schick. Eine Mischung, die auch einen berühmten Dichter anzog.

Spanisch sollte man verstehen. Dann wären uns die Missverständnisse mit den Bus nach Valpareiso erspart geblieben. Keuchend sitzen wir dann doch im richtigen Fahrzeug. Gut zwei Stunden später erreichen wir den Busbahnhof der Hafenstadt. Es ist übrigens Freitag, der 2. Mai.

Zum Glück liegt unser Hotel nur wenige Häuserblocks entfernt, wir können zu Fuß gehen. Das “Hostal El Rincon Marino” ist ein alter Kasten, der mit Utensilien aus der Seefahrt eingerichtet ist. Ein freundliches Ehepaar, das nur ein wenig Englisch spricht, betreibt das Hotel. Wir beziehen ein einfaches Zimmer, das Bad liegt auf dem Flur. Leider dringt der Lärm der Straße durch die alten Fenster. Viele andere Gäste scheinen nicht abgestiegen zu sein. Dennoch: Uns ist das Haus irgendwie sympathisch. Und obwohl das Hotel alles andere als modern wirkt – die WiFi-Verbindung ist so schnell wie selten und reicht bis in unser Zimmer.

Das Paket

Helga besteht darauf, dass wir unsere Garderobe ausdünnen und die Klamotten nach Hause schicken. Wir müssen uns ja den kühleren Temperaturen in Südamerika anpassen, und in unseren Rucksäcken, die bis oben voll sind, stecken ja nur Sommersachen. Wir sortieren einige allzu dünne Hemden aus und Zeug, das sich als überflüssig herausgestellt hat. Gar nicht so einfach, in Valparaiso ein Geschäft zu finden, das ein Paket verkauft. Die Post tut’s nicht, in einer Papierhandlung werden wir fündig. Dort muss man übrigens wie auf dem Amt eine Nummer ziehen. Ein Display zeigt dann an, wann man dran ist und an den Verkaufstresen treten darf. Kein Kuli, kein Block, keine Tintenpatrone liegt frei aus, sondern alles muss vom Personal über den Tresen gereicht werden. Wir interpretieren das seltsame Vorgehen als Schutz vor Diebstählen. Auch die Eistruhen in den kleinen Geschäften sind abgeschlossen; man muss das Personal bitten, das gewünschte Eis rauszuholen.

Helga muss auf der Post bei der Abgabe des Pakets mehrere Formulare ausfüllen. Das dauert, andere Postkunden stellen sich innerlich fluchend (?) am anderen Schalter an. Dieter wartet draußen. Nach einer dreiviertel Stunde hat Helga es geschafft. Ich habe ihr versprochen, über die Kosten der T-Shirt-Verschickungsaktion nichts zu schreiben. Der Nachmittag ist jedenfalls fast um.

Weltkulturerbe

Wir gehen nach ein wenig durch die Straßen der Stadt. Valparaiso , 120 Kilometer westlich von Santiago am Pazifik gelegen, hat rund 280.000 Einwohner. Das Kongress, das chilenische Parlament, tagt hier seit 1990 in einem imposanten bogenförmigen Neubau, der uns schon am Busbahnhof auffällt. Seit 2003 ist das “Paradiestal” von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Das liegt an den historischen Gebäuden aus den letzten beiden Jahrhunderten, aber auch an der fantastischen Lage der Stadt. Valparaiso verteilt sich auf 45 (so sagt man) Hügel, eine Topographie, die das Schachbrettmuster anderer südamerikanischer Städte unmöglich macht. Statt dessen winden sich schmale Straßen nach oben, Treppen verbinden sie, und wer nicht steigen mag oder kann, nimmt eine der uralten, knarzenden Standseilbahnen, eine denkmalgeschützte Attraktion für sich. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sowohl Salvator Allende als auch Augusto Pinochet aus Valparaiso stammen.

Valpareiso begegnet uns quirlig, die Gesteige sind voller Menschen, Kleinhändler verkaufen Krimskrams von Klopapier bis Modeschmuck, Emplanadas gibt’s an jeder Ecke. Die Stadt ist nicht schmuddelig, aber weit entfernt von der strengen Ordentlichkeit und Null-Müll-Toleranz australischer und neuseeländischer Städte. Wie in Santiago gibt es viele große, friedliche Straßenhunde. Warum Valparaiso als Stadt der Künstler und Bohemiens gilt, erschließt sich uns hier in den Geschäftsstraßen rund ums Hotel nicht. Schick und herausgeputzt wirkt hier nichts, die Fassaden bröckeln, nur wenige Häuser stechen mit frischer Farbe heraus. Keine Galerien, sondern sattes Alltagsleben der einfachen Leute finden wir hier. Allerdings sind wir hier auch unten, nicht auf einem der im doppelten Sinne herausragenden Hügel.

Kein Labskaus

Abends gehen wir essen. Unterwegs kommen wir am Restaurant “Hamburg” vorbei. Dort soll es, haben wir gelesen, Labskaus und andere zweifelhafte Gaumenfreuden der norddeutschen Küche geben. Dort wären wir gerne eingekehrt, denn es muss schon ein besonderes Erlebnis sein, einen Rollmops in Valparaiso zu verzehren. Leider hat das “Hamburg” Betriebsferien. Wir ziehen also weiter in die “Bar la Playa”, ein Traditionslokal in Valparaiso, das seit 1908 besteht. Die Inneneinrichtung ist in der Tat antik, der Tresen lang, und die Wände sind voll mit Plakaten von Ikonen der Popkultur. Unter den Augen von Marylin Monroe, Jack Nicholson, John Lennon und Curt Cobain essen Fisch, der solide zubereitet auf den Tisch kommt.

Am Samstagmorgen steigen wir eine eiserne Wendeltreppe hinab zum kleinen Frühstücksraum. Er ist mit Rettungsringen, einer Tafel, die Schiffsknoten erklärt, und alten Seefahrtslampen vollgestellt. Wir sitzen alleine. Der Hotelbesitzer, der noch weniger Englisch spricht als seine Frau, versucht uns zu erzählen, dass er vor ein paar Jahren in Deutschland war. Wohl eine Reise eines Hotelverbands war das. Als wir sagen, dass wir aus Hamburg kommen, kramt er lange in seinem Kopf, findet aber nichts. In Berlin sei er gewesen, in Dresden und Leipzig und in der Stadt mit dem großen Flughafen … ach ja, Frankfurt war das wohl. Die Leute in Deutschland würden als Fast Food Döner essen, ist ihm aufgefallen. Wer die Immigranten seien, die das verkaufen? Aus Syrien? Erstaunt hat ihn außerdem, dass in Deutschland Leute Bier auf der Straße trinken. In Chile sei das verpönt, Bier trinke man zum Essen oder mit Freunden in der Kneipe.

Stadtspaziergang

Weil uns der Stadtspaziergang mit “Tour4Tips” in Santiago so gut gefallen hat, machen wir das Gleiche in Valparaiso, auch dort bietet das Unternehmen einen Spaziergang an. Marissa, unsere Führerin, geht mit der Gruppe zunächst zum Hafen. Der war im 19. Jahrhundert zusammen mit dem Hafen San Franciscos der bedeutendste an der amerikanischen Westküste. In diese Zeit fiel auch der Bauboom, in dem die schnörklichen Gebäude entstanden, die mit den Reiz der Stadt ausmachen. Außerdem kamen zahlreiche Einwanderer in die Stadt – Engländer, Italiener, Deutsche – deren Einfluss bis heute zu spüren ist. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 verloren Hafen und Stadt an Bedeutung.

Apropos Deutsche: An der Plaza Sotomayor ist eine der großen Feuerwachen. Mir fällt auf, dass auf den Fahrzeugen “Feuerwehr” steht. Laut Marissa gibt es in Valparaiso nur eine freiwillige Feuerwehr. Und jede Einwanderernation hat ihre eigenen Züge, eben auch die Deutschen. Es ist offenbar eine große Ehre, zur Feuerwehr zu gehören, die Mitgliedschaft wir vom Vater an den Sohn “vererbt”. Diese Feuerwehrfamilien müssen ihre Ausrüstung auch selbst anschaffen, versuchen durch Benefiz-Aktionen Geld aufzutreiben. Klar, dass die deutsche Feuerwehr von Valparaiso ihre Einsatzfahrzeuge aus der alten Heimat importiert.

2000 Häuser brennen

Was etwas skurril anmutet, hat auch eine ernste Seite: Erst Anfang April kam es zu einem Brand, der sich rasch über verschiedene Hügel ausbreitete. 15 Tote waren zu beklagen, rund 2.000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört, zahlreiche Einwohner obdachlos. Der größte Brand in der Geschichte Valparaisos kam wahrscheinlich wie die meisten Brände durch marode Stromleitungen zustande. Die alten, ineinander verschachtelten Häuser, die für Fahrzeuge oft unzugänglich an den Hängen kleben, machten es den Flammen leicht, es brannte tagelang.

Marissa erzählt auch, dass es schwer sei, für die alten, denkmalgeschützten Häuser Käufer zu finden. Viele drohten zu verfallen. Die Auflagen der UNESCO seien so streng, dass eine Sanierung der Häuser ungeheuer teuer sei. Als Beispiel dafür stehen wir vor einem riesigen aschgrauen Gebäude, das einst ein italienischer Reeder bauen ließ. Seine Tochter, inzwischen hochbetagt, bewohnt noch einen kleinen Teil des riesigen Hauses, der große Rest zerbröckelt jeden Tag ein bisschen mehr – Käufer nicht in Sicht. Man müsse schon mit einem Haus etwas Einträgliches anfangen können, ein Hotel daraus machen zum Beispiel, damit sich eine Investition lohne, sagt Marissa.

Darauf haben wir lange gewartet: Wir fahren mit der Standseilbahn, hoch nach Cerro Concepcion. Die knarzenden Ascensores sind über hundert Jahre alt, stammen aus der Boomzeit der Stadt. Stets sind einige der Bahnen außer Betrieb, weil wieder etwas kaputt gegangen ist. Ersatzteile sind müssen aufwändig einzeln hergestellt werden. Der Welterbe-Status und ihre touristische Attraktivität verbieten es, sie durch moderne Bahnen zu ersetzen. Pech also für die Bewohner eines Cerros, eines Hügels, wenn die Bahn wieder mal stillsteht. Sie müssen dann ihre Einkaufstaschen die langen, steilen Treppen hochtragen.

Eigene Identität

Der beschwerliche Zugang zu den Stadtteilen auf den Hügeln hat dafür gesorgt, dass die die einzelnen Cerros eine eigene Identität herausgebildet haben, erfahren wir von Marissa. Man vermeidet möglichst, runter in die Innenstadt zu gehen, hat seine eigenen Läden und Kneipen auf dem Berg. Und Einwohner anderer Cerros vermeiden möglichst in einen fremden Cerro “einzudringen”. Man gehört nicht dazu, fängt sich misstrauische Blicke ein. Marissa rät uns denn auch ausdrücklich davon ab, alleine in die nicht touristisch sozialisierten Cerros zu gehen.

Cerro Concepcion und Cerro Alegre, wo wir uns bewegen, ist allerdings Touristen gewöhnt. Kein Wunder, von hier oben hat man einen herrlichen Blick über die Stadt und die Bucht. Und der Gang durch die schmalen Gassen, die oft steil nach oben führen, das Auf- und Ab der meist bemalten Treppen, die bunten Häuser, die sich jedes auf eigene Weise dem Berg angepasst haben – das macht Freude. Es passt also, dass die Gegend Cerro Alegre heißt: der fröhliche Hügel. Eine Gegend für Menschen mit dem Blick für Details, für die getigerte Katze vor dem alten gelben Hydranten, für die Ornamente an Türen, Fassaden und Geländern, für das rostige Wellblechdach vor himmelblauer Fassade. Es überrascht nicht, dass dies die Gegend der Künstler und Lebenskünstler ist, die ihre Ateliers, ihre Schreibstuben, ihre Lädchen mit hübschen Nutzlosigkeiten in den Häusern eingerichtet haben.

Straßenkunst

Etwas knallt allerdings richtig hier: Das ist die Straßenkunst, die Fassadenmalerei. Alegro und Concepcion sind ein Eldorado für Sprayer. Kaum ein Haus, das nicht bunt bemalt ist. Das reicht von Tags, die weniger Begabte als Duftmarken hinterlassen haben bis zu richtigen Kunstwerken. Alles eigentlich illegal, aber mehr als geduldet, passen die bemalten Hauswände doch allzu gut zum Image der Stadt, irgendwie alternativ und kreativ zu sein. Letztes Jahr durften sich auf einem anderen Cerro die Sprayer sogar bei einem Straßenkunst-Festival offiziell austoben.

Stadtspaziergang klasse, Stadt klasse – uns gefällt Valparaiso. Beim Essen ist allerdings noch Luft nach oben. Sicher man kann sicher auch in Valparaiso gediegen essen, wenn man sich in ein etwas teureres Restaurant begibt. Besonders angesagt sind zur Zeit die Peruaner. Wenn man sich wie wir in ein einfaches Lokal begibt – und die meisten Gaststätten zählen zu dieser Kategorie – dann sitzt man vor einem Berg Fleisch mit Pommes, selbst Petersilie obendrauf wäre zuviel an Grünzeug. Gesunde Ernährung sieht anders aus. Das macht sich auf den Straßen bemerkbar. Besonders die Frauen, auch die jungen, sind mehrheitlich pummelig bis … sehr pummelig. Da sie sich dennoch in hautenge Jeans zwängen, trägt das nicht unbedingt zur Verschönerung Valparaisos bei. Ne, Mädels, sexy wäre in diesem Fall nur eine dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. Aber das käme ja schon einer kulturellen Revolution gleich.

Am Sonntag machen wir uns auf den Weg zum Haus des Dichters. Zuvor unternehmen noch einen Gang über den Flohmarkt. Der wird allerdings dominiert von kommerziellen Händlern, die Billigware verramschen. In einer Seitenstraße gibt es allerdings noch einen kleinen Antikmarkt. Im Angebot auch Second-Hand-Schallplatten – in der Regel der einzige Grund, warum Dieter Flohmärkte besucht. Gleich im ersten Stapel finde ich eine LP der “Scorpions”. Die inzwischen halb im Ruhestand lärmende Altherren-Band soll eine riesige Fangemeinde nicht nur in Chile haben.

Das Haus des Dichters

Nun aber auf die Höhen der Kultur. Dazu fahren wir mit Bus 612 den Berg hinauf. Auf dem Cerro Bellavista steht das Haus von Pablo Neruda, La Sebastiana genannt. Eins von dreien genau gesagt, die der linke Lyriker und Nobelpreisträger in Chile besaß. Das Häuschen hätte ich auch genommen, hat man doch einen wundervollen Blick auf die Bucht. Neruda liebte das Meer. Bei unserem Besuch strahlt hier oben zwar die Sonne, unten im Hafen hält sich allerdings hartnäckig der Nebel – wir stellen uns die blaue See vor.

Das Haus lässt sich besichtigen, wir bekommen einen Audioführer, der uns auf Deutsch etwas über Neruda und das Haus erzählt. Der Dichter hat es 1961 gekauft, zusammen mit einem befreundeten Künstlerpaar. Das Haus ist nicht groß, hat aber fünf Stockwerke. Neruda bewohnte die beiden oberen. Neruda war ein Sammler, der hartnäckig Fundstücken nachjagte. So steht ein Holzpferd, das sich einst auf einem Karussell drehte, mitten im Wohnzimmer. “Ein Mann, der nicht spielt, hat seine Kindheit verloren”, soll er gesagt haben. Gefällt mir, der Spruch. Ich spiele zwar nicht Skat, aber immerhin die Guitarre, manchmal mit Worten und mit dem Leben.

Ich spekuliere, Neruda hatte es leichter. Nachmittags waren zwei Stunden Schlaf nach dem Essen heilig. Abends gab’s dann ein ausführliches Dinner mit Freunden und viel Wein, tagsüber zwischendurch übrigens Whisky. Natürlich dichtete er auch in den Stunden dazwischen und beantwortete Fanpost. Das ist jetzt natürlich eine unangemessen flapsige Zusammenfassung dessen, was ich vom Text des Audioführers behalten habe und spricht mehr gegen mich als gegen den Kollegen Neruda. Immerhin war Neruda unter Allende kurze Zeit Botschafter in Paris. Also, Angela, ich schlage für mich einen neu einzurichtenden Konsul-Posten in Valparaiso vor. Aber nun Schluss mit dem Quatsch. Neruda dichtete nicht im Elfenbeinturm, sondern mit politischer Haltung. Respekt.

Nach dem Besuch im Haus des Dichters schlendern wir die Avenida Alemania entlang, genießen die wundervolle Aussicht und gehen an den Fassaden-Kunstwerken vorbei wieder nach unten.

Ob uns Valparaiso gefallen hat? Überflüssig die Frage. Doch am Montag (5. Mai) müssen wir weiter. Nach Mendoza in Argentinien. Dort geht der Dichter zum Arzt. Nein, nicht zum Psychiater, sondern zum Orthopäden.

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Ein Kommentar zu “Valparaiso, Chile: Das Haus des Dichters”

  1. Eugen sagt:

    “Daß ich dort ruhen will zwischen dem großen Lidschlag der See und der Erde . . .” P. Neruda

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