Tupiza, Bolivien: Atemberaubend

Nächstes Land: Bolivien. Erste Station: Tupiza. Das Städtchen ist für uns Ausgangspunkt für eine Exkursion zur Salar de Uyuni, die größte Salzwüste der Welt. Eine in jeder Hinsicht atemberaubende Tour.

Zunächst aber müssen wir über die Grenze. Von Tilcara fahren wir am Sonntag (25. Mai) – nun wieder bei schönem Wetter – mit dem Bus bis zum argentinischen Grenzort La Quiaca. Von der Busstation nehmen wir ein Taxi zum Grenzübergang, zusammen mit Johanna, einer jungen Frau aus dem österreichischen Burgenland, die wir im Bus kennengelernt haben. Immer ein Vorteil, eine Spanisch sprechende Person bei sich zu haben.

Die Grenzformalitäten halten sich in Grenzen: Ein Einreiseformular ausfüllen, Pass vorzeigen, das war’s. Auf Gepäckkontrollen verzichten die Grenzer. Nun sind wir in der bolivianischen Grenzstadt Villazón, die uns eher moderner vorkommt als ihr argentinisches Gegenüber. Pesos in Bolivianos umgetauscht und zu Fuß dann zur Busstation, wo wir gleich von etlichen Menschen angesprochen werden, die uns eine Fahrt nach Tupiza verkaufen wollen. Auf einem bolivianischen Busbahnhof scheint des doch etwas wilder zuzugehen als auf einem argentinischen. Nach einigem Hin und Her schaffen wir es, Fahrkarten für den regulären Bus zu ergattern, der dann auch wenig später abfährt. Der recht betagte Bus erreicht knapp zwei Stunden später Tupiza.

Tupiza

Wir verabschieden uns von Johanna und steigen in unserem vorgebuchten Quartier ab, dem Hotel Anexo Mitro. Das Hotel ist ganz in Ordnung, allerdings frösteln wir etwas im heizungslosen Zimmer. Tupiza liegt auf knapp 3.000 Meter, tags ist es in der Sonne recht angenehm, nachts sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Am späten Nachmittag gehen wir auf einen Hügel mit einer überlebensgroßen Jesusstatue. Von dort schauen wir auf die Stadt und die eindrucksvolle, von der Sonne bestrahlte vielfarbige Felslandschaft drumherum. Tupiza (rund 27.000 Einwohner) selbst besitzt eine schöne Park-Plaza, an der wie üblich die Kathedrale steht. Ansonsten hat die Stadt keine großen Sehenswürdigkeiten zu bieten. Allerdings hielten sich die US-amerikanischen Outlaws Butch Cassidy und Sundance Kid einige Zeit in der Stadt auf. Alle Reiseagenturen bieten Touren zu den “Wirkungsstätten” des Gangsterduos an. Ist wohl eher was für US-Amerikaner, wo die Bösewichte Kultstatus genießen und auch schon Stoff für Hollywood lieferten. Im nahen San Vicente sollen die beiden erschossen worden sein.

Höchster Anteil von Indigenas

Wir suchen nach Unterschieden zu Argentinien. Bolivien gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas. Das fällt uns in Tupiza nicht sofort ins Auge, zumindest wirkt auf uns die Stadt zunächst nicht ärmer als Landstädte im vernachlässigten Nordwesten Argentiniens. Anders als in Argentinien fällt jedoch der hohe Anteil indigener Bevölkerung auf. Die Frauen tragen vielfach noch die traditionelle Kleidung der Indigenas mit weiten, bunten Röcken und breitkrempigem Hut. Über die Schulter geworfen ist meist ein buntes Tuch, das als eine Art Rucksack dient oder in dem manchmal ein Baby steckt. Mit Peru weist Bolivien den höchsten Anteil indigener Bevölkerung auf. Rund 60 Prozent sind “Indios”, wobei der Begriff oft als abwertend angesehen und abgelehnt wird. Hinzu kommen noch mehr als 20 Prozent Mestizen, die aus Verbindungen von Europäern und Indios hervorgegangen sind. Das indigene Quechua und je nach Region zahlreiche andere Sprachen der Ureinwohner sind neben Spanisch Amtssprache des Landes. Und mit Evo Morales hat Bolivien erstmals einen indigenen Präsidenten. Der Sozialist ist sehr bestrebt, die Lage der Indigenas zu verbessern.

Eine vielleicht gar nicht so unwichtige Kleinigkeit bemerken wir, abends beim Essengehen: Die meisten Speisekarten sind auch auf Englisch. In Argentinien und Chile gibt’s das kaum. Nur mit Mühe finden wir ein Lokal, das auch ein paar bolivianische Gerichte auf der Karte hat, ansonsten gilt auch auf dreitausend Meter Höhe im indigenen Andenstaat Bolivien: Sie betreten die Niederungen von Pizza und Pasta. Auch griechischen Salat findet man. Und Hamburger. Und anderes Zeugs, das nicht hierher gehört. Immerhin: Bolivien ist noch McDonalds-freie Zone.

Tour-Agenturen

Am Montag (26. Mai) schauen wir uns nach einer Agentur um, die Exkursionen zur Salar de Uyuni anbietet, der größten Salzwüste der Welt. Wir haben schon ein wenig über die Touren im “Lonely Planet” gelesen, einschließlich der Warnungen vor Anbietern, die Fahrer beschäftigen, die sich betrunken ans Steuer setzen. Wir wissen auch, dass es sich bei den Touren um ein ziemlich strapaziöses Unternehmen handelt. Wir sind unsicher, ob wir die Tour schon von Tupiza aus machen sollen, das mehr als 200 Kilometer entfernt liegt oder von Uyuni, das dicht bei der Salzfläche liegt.

Wir betreten “La Torre Tours”, einen der Anbieter, die im “Lonely Planet” empfohlen werden. Die Frau hinterm Schreibtisch hat ein gewinnendes Wesen und spricht außer Spanisch auch Englisch und Französisch, sogar ein wenig Deutsch. Das Prospekt, das sie uns in die Hand drückt, ist in englischer Sprache. Unser Eindruck verstärkt sich, dass man sich in Bolivien mehr um Touristen bemüht als in Argentinien. Die Dame bietet uns eine Vier-TagesTour zur Salar de Uyuni an, die wir am letzten Tag erreichen sollen. Davor grandiose Landschaften, Lamas und Vicunas am Wegesrand, Vulkane und Geysire, farbige Seen, Flamingos. Hört sich alles sehr gut an.

Die Kehrseite ist allerdings ebenso klar: Es wird eiskalt sein, die Unterkünfte einfachst und nur mit Gruppenzimmern, ohne Heizung und ohne Dusche. Wir zögern, sagen nicht sofort zu. Ein anderer Anbieter, den wir anschließend konsultieren, bietet das gleiche Programm zum gleichen Preis. Mit Zweifeln, ob wir uns nicht zuviel zumuten, auch angesichts meines gebrochenen Arms, sagen wir schließlich bei “La Torre Tours” zu. Die Exkursion kostet uns rund 1.500 Bolivianos (170 Euro) pro Person, einschließlich Unterkunft, Essen, Eintrittsgelder und Leihe eines kältetauglichen Schlafsacks.

Hausmannskost

Nun heißt es, wärmende Kleidung zu kaufen. Dieter hält eine lange Unterhose und warme Socken für wirksamer als eine Aufrüstung der Oberbekleidung. Aber wo kaufen? Genauso wenig wie Supermärkte scheint es in Tupiza normale Bekleidungsgeschäfte zu geben. Klar, etliche Geschäfte mit folkloristischer Oberbekleidung finden wir, aber die führen eben keine langen Unterhosen. Fündig werden wir schließlich auf dem Markt, wo nicht nur alles erdenkliche Grünzeug, Lamafleisch, Waschmittel und Klopapier, sondern auch wärmende Unterwäsche zu erwerben sind. Wie schon die argentinische Markthallen, so beherbergt auch die bolivianische eine Abteilung mit Essenständen. Und hier gibt es sie noch, die heimische Hausmannskost. Mit etwas Zögern, weil wir nicht so recht wissen, was in den großen, silberfarbenen Metalltöpfen so köchelt, bestellen wir eine kräftige Suppe mit Quinoa, Nudeln und Rindfleisch. Das schmeckt.

Am Nachmittag fallen ums die Gruppen von Schülern auf, die auf dem Heimweg von der Schule noch eine Runde durch die Stadt drehen. Mit ihren weißen Hosen, weißen Hemden, roten Krawatten und dunkelblauen Jacken wirken sie in den staubigen Straßen, neben bröckelnden Fassaden und eher ärmlich bis manchmal schmuddelig gekleideten Erwachsenen wie aus einer anderen Welt. In Bolivien müssen Kinder mindestens sechs Jahre zur Schule gehen, weiterführende Schulen sind teils staatlich, privat oder kirchlich getragen. Nach Regierungsangaben können mittlerweile fast alle Bolivianer Lesen und Schreiben.

Auf zur Salar de Uyuni

Nach Pizza und Pasta am Abend wird es am Dienstagmorgen ernst: Unsere Vier-Tage-Tour zur Salar de Uyuni beginnt. Es stellt sich heraus, dass wir mit neun Teilnehmern, zwei Fahrern und einer Köchin unterwegs sind. Die Köchin, die sich als “Mimosa” vorstellt, ist eine kugelrunde Indiomama mit stets blendender Laune, wenn ich das mal politisch inkorrekt ausdrücken darf. Sie fährt in unserem schwarzen Toyota Landrover mit und trägt die typische Tracht. Auch mit uns im Wagen sitzen Jennifer und Wai, zwei junge Kanadierinnen mit asiatischen Vorfahren. Den weißen Toyota belegen Phillip, ein junger Münchner, Miranda und Antoine, ein junges Paar aus Frankreich, und Alex und Cathrin, er Spanier, sie Engländerin, ebenfalls in den Zwanzigern und zusammen. Wir sind also wieder mal die einzigen, die den Altersdurchschnitt auf über 26 heben. Auch in den Landrovern der anderen Unternehmen, die gleichzeitig mit uns starten, sitzen nur junge Leute, alle ohne Übergewicht und allem Anschein nach körperlich topfit. Passt ja.

Wie ich die Tour jetzt im einzelnen beschreiben soll, weiß ich nicht. Chronologisch kriege ich das eh nicht mehr zusammen, zumal es ja schon ein paar Tage her ist. Auf Notizen, die ich während der Fahrt gemacht hätte, kann ich nicht zurückgreifen, denn es war viel zu kalt zum Schreiben. Und die Landschaftseindrücke sind so unbeschreiblich, dass ich das beschreiben lasse und auf die Fotos verweise. Und auch die sind eindimensional, hat der Leser doch nicht die Luft eingeatmet und die Sonne gespürt an den Orten, wo sie entstanden sind.

Ich schreibe jetzt einfach drauflos:

Wir sind ganz im Südwesten Boliviens unterwegs, zunächst nahe der Grenze zu Argentinien, dann zu Chile. Es gibt hier keine Straßen, sondern nur Pisten, mal erdig, mal steinig, fast immer ziemlich zerfurcht. Tankstellen gibt es natürlich erst recht nicht, weshalb die Landrover mit Gas betrieben Werden, das auf dem Dach in blauen Plastikkanistern neben unseren Gepäck Transportiert wird. Oft muss unser Wagen Flussläufe durchqueren, die es trotz der trockenen Landschaft gibt. Manchmal sind sie von Eis überzogen und oft ist kaum abzuschätzen, wie tief das Wasser reicht. Die Landschaft ist baumlos, in den tieferen Lagen wachsen gelb-braune Gräser, die den robusten Lamas als einzige Nahrung dienen. Die Produkte, die die Lamas hergeben sind auch eine der wenigen Erwerbsquellen, die die Bewohner des Hochlands haben. Weiter oben ernähren sich von der noch spärlicheren Vegetation die Vicunas. Das sind schlankere Verwandte der Lamas, die nicht domestiziert sind. Beide gehören zur Familie der Kamele.

Minen und Mineralien

Wir kommen auch an einer Reihe von Minen vorbei, teils stillgelegt, teils in Betrieb. Bolivien ist ein rohstoffreiches Land. Waren es früher hauptsächlich Silber und Gold, so sind es heute Rohstoffe für HighTech, die dem Land vielleicht eine wirtschaftlich rosige Zukunft verschaffen werden. An der Salar der Uyuni, unserem Ziel, gibt es zum Beispiel riesige Silizium-Vorkommen, Rohstoff für Batterien fürs Mobiltelefon oder für Elektroautos. Aber unser Fahrer und Führer Froy weist auch an den zahlreichen Seen, an denen wir vorbeikommen (Laguna Honda, Laguna Colorada, Laguna Celeste und etliche Meer) auf die Vorkommen von Mineralien hin. Sie geben den Seen auch zum Teil ihre außergewöhnlichen Farben von rot über grün bis schwarz. Der Abbau der Mineralien, zum Beispiel Borax, ist eine weitere Erwerbsquelle in der fast vegetationslosen Landschaft. Fahrer Froy weist darauf hin, dass in Zahnpasta solche Mineralien stecken.

Doppelt atemberaubend

Die Gegend ist wahrlich atemberaubend. Das kann man in doppelten Sinne verstehen. Einmal auf die grandiose Landschaft bezogen, aber auch auf die große Höhe, in der wir uns bewegen. Die schwankt zwischen 3.500 und 5.000 Metern. In dieser Höhe ist der Sauerstoff-Gehalt der Luft schon so gering, dass sich vielfach Kopfschmerzen und Schwindel einstellen, erste Anzeichen der Höhenkrankheit. Das ist auch bei Helga und mir so. Jede kleine Anstrengung ist schon zuviel. Es genügt manchmal das Hineinklettern in den hohen Geländewagen, um für ein paar Sekunden Schwindel auszulösen. In Deutschland hätten wir wahrscheinlich einen seitenlangen Fragebogen zu unserem Gesundheitszustand ausfüllen müssen. Manchmal hatte ich ein wenig Angst, ob meine Pumpe das mitmacht.

Nach Tupiza geht es stetig bergan in eine Landschaft mit rötlichen Felszacken, ähnlich der, die wir von Argentinien kennen. Weiter oben ist die Landschaft eher flach und umstellt von zum Teil schneebedeckten Bergen. Einige davon sind schwarzsteinige Vulkane wie der Uturuncu (6.008 Meter) an der Grenze zu Argentinien und der Licancabur (5.916), der die Grenze zu Chile markiert.

Schon bei unserer ersten Mittagspause in San Antonio de Lopez (?), einem typischen Dorf mit strohgedeckten Lehmziegelhäusern, zeigt Mimosa, was für eine tolle Köchin sie ist. Nicht nur, dass das Essen schmeckt und gemüsereich ist, sondern sie vollbringt auch eine bewundernswerte logistische Leistung. Sie muss in einfachsten Küchen kochen, ohne moderne Technik, und der Abwasch geht von Hand. Was übrig bleibt, verwendet sie beim nächsten Essen wieder.

Keine Dusche, eiskalt

Unser erstes Quartier ist in Quetena Cica, einem winzigen Dorf in weit über 4.000 Meter Höhe. Die Unterkunft ist in der Tat sehr basic. Keine Dusche, kein warmes Wasser, vor allem aber keine Heizung in dem schlecht gedämmten Haus. Wir sehen die Feuchtigkeitsschwaden, wenn wir ausatmen. Denn nachts wird es hier verdammt kalt, etliche Grade unterm Gefrierpunkt. Mimosas leckeres Abendessen verspeisen wir so dick angezogen wie es geht. Ein gemütliches Abendessen sieht anders aus. Helga und ich verziehen uns gleich danach der Kälte wegen ins Bett. Wir sind froh, dass wir zu den Decken noch den wintertauglichen Schlafsack haben. Dennoch ziehen wir die Decken bis unter die Nasen. Das umständliche Aus- und Anziehen wegen Dieters Plastikarm, macht bei der Kälte erst recht keinen Spaß. Unsere Mitfahrerinnen Jennifer und Wai schlafen mit uns im Zimmer, nachdem sie mit den anderen jungen Leuten noch eine Runde Bibberskat gespielt haben.

Nette Truppe

Wir haben zum Glück eine nette Truppe beisammen, die uns Oldies nicht belächelt, aber gerne zur Stelle ist, wenn wir eine helfende Hand brauchen. Bis auf uns und Wai sprechen alle Spanisch, die Franzosen nur wenig Englisch. Die Konversation wechselt deshalb je nach Situation blitzschnell zwischen den beiden Sprachen. Antoine und Helga entdecken, dass sie den gleichen Beruf haben und mühen sich, Erfahrungen des Sozialarbeiter-Lebens auf Englisch auszutauschen. Phillip sorgt für Heiterkeit, weil er versucht, beim Essen alles Grünzeug auszusortieren.

Weitere Höhepunkte: Wir kommen an heißen Quellen vorbei, die durch den Vulkanismus erwärmt werden. Ein Becken unter freiem Himmel lädt zum Planschen ein, eine Einladung, die Dieter wegen seines blöden Arms ausschlagen muss. Das Aus- und Anziehen wäre zu mühsam gewesen. Die anderen genießen das 35 Grad warme Wasser bei Außentemperaturen kaum über Null.

Auf 5.000 Meter liegen die “Geisers Sol de Maliana”. Zwar gibt es keine wirklich hohen Fontainen, aber in etlichen kleinen oder großen Erdlöchern blubbert eine zähe graue Flüssigkeit aus dem Erdinnern. Froy warnt uns, zu nah ran zu gehen, da es wohl schon beim Herausschwappen der Brühe üble Verbrennungen gegeben hat.

Flamingos

Angenehmer ist die “Laguna Colorada”, ein flacher rötlicher See, denn hier wie auf einigen kleineren Seen danach gibt es etwas zu sehen, worauf alle sich schon gefreut haben: Flamingos. Die weiß bis zartrosa gefärbten Vögel Stecken meist mit dem Kopf im Untergrund des Sees. Keine Ahnung, was es in diesen Gewässern im Hochgebirge zu fressen gibt. Froy erklärt uns, dass es drei Arten gibt, nämlich argentinische, chilenische und bolivianische Flamingos. Hier im Grenzgebiet lassen sich alle drei Arten beobachten. Froy beschreibt, woran sie zu unterscheiden sind. Ich bin allerdings nach wie vor nicht in der Lage, die Flamingos auf meinen Fotos nach Arten zu differenzieren. Die rötliche Färbung der Laguna Colorada kommt von der dort lebenden Algenart und den Mineralien im See, weiß Froy.

Die zweite Nacht in der Siedlung Hualla Jara verläuft so bibbernd wie die erste. Unserer Zimmergenossin Jennifer geht es nachts so schlecht, dass sie lange Zeit über der Kloschüssel hängt. Höhenkrankheit? Am nahe gelegenen See gibt es mitten in der kalten Einöde übrigens ein hochklassiges Hotel mit WiFi. Wer dort wohl Urlaub macht? Wir überlassen der kranken Jennifer und ihrer Freundin Wai die mittleren Plätze im Wagen und quetschen uns auf die enge hintere Bank, was den dritten Tag noch ein Stück anstrengender macht.

Coca versus Kokain

Während der Fahrt kauen Froy und Mimosa mitunter Cocablätter. Sie geben uns eine Handvoll zum Probieren. Sobald man die trockenen Blätter zerkaut hat, schmecken sie nicht schlecht. Der Cocabrei wird dann eine zeitlang in der Mundhöhle behalten, damit über die Schleimheute die Wirkstoffe aufgenommen werden können. Mit den paar Blättern, die ich kaue, spüre ich rein gar nichts. In größeren Mengen wirkt Coca hungerdämpfend und anregend. Es ist in den indigenen Kulturen ein Genussmittel, das seit Jahrhunderten verwendet wird. Das Suchtpotential ist einzuschätzen wie das von Kaffee. Ausländern, denen die Höhe zu schaffen macht, wird empfohlen, viel Cocatee zu trinken. Den bekommt man allerorts auch in Teebeuteln zu kaufen. Blöd nur, dass man aus Coca auch Kokain gewinnen kann. Und der Drogenmarkt viel lukrativer ist.

In San Juan, einer staubigen Siedlung, die aber auch nicht ohne Fußballplatz auskommt, haben Einheimische Stände aufgebaut und verkaufen mehr oder weniger authentisches Kunsthandwerk. Uns fällt auf, dass jetzt am späten Vormittag auch Kinder an den Ständen mithelfen. Wird die Schulpflicht in den Dörfern nicht so ernst genommen, fragen wir uns.

Erst die dritte Unterkunft bietet einen Tick mehr Komfort. Sie liegt schon nahe der Salar de Uyuni und ist teilweise aus Salz gebaut. Auch wenn sie ebenfalls keine Heizung hat, so ist es doch ein klein wenig wärmer drinnen. Außerdem bietet die Herberge eine warme Dusche, allerdings wirklich nur eine für alle Gäste. Wir schaffen es, einen Duschgang einzulegen und uns den Staub der Pisten abzuwaschen.

Salar de Uyuni

Und fahren wir raus zur Salar de Uyuni. Das ist mit über 10.000 Quadratmetern der größte Salzsee oder Salzwüste der Welt, gebildet vor 10.000 Jahren durch das Austrocknen eines Sees. Wir brechen schon gegen sechs Uhr auf, denn wir wollen auf der Insel Incahuasi, um dort den Sonnenaufgang zu beobachten. Die absolut ebene Salzfläche auf 3.653 Meter Höhe ist jetzt im Winter trocken, es haben sich Risse gebildet, die die Oberfläche in Millionen vieleckiger Platten teilen. Im Sommer ist sie mit einer flachen Wasserschicht bedeckt, die wie ein riesiger Spiegel wirkt, erzählt uns Führer Froy.

Die Insel Incahuasi ist ein felsiger Berg, der mit zahlreichen hohen Kakteen bestanden ist. Der Aufstieg zum Gipfel ist nicht weit, aber die Höhe raubt uns den Atem. So werde ich mich als Neunzigjähriger fühlen, wenn ich die Treppen zu unserer Wohnung hochsteigen muss, weil der Fahrstuhl ausgefallen ist. Oben angekommen sehen wir mit zahlreichen Touristen, die von anderen Unternehmen angekarrt worden sind, dem Sonnenaufgang entgegen. Schön ist’s und saukalt.

Fotoshow

Am Fuß der Insel hat Mimosa schon das Frühstück vorbereitet, das wir bei leichtem Frost verzehren. Anschließend steht ein Salzhotel auf dem Besuchsprogramm, das illegal errichtet worden ist und deshalb nur als eine Art Museum dient. Nicht so spannend. Inzwischen steht die Sonne in voller Pracht, dazu tiefblauer Himmel, die salzweiße Oberfläche und sonst nichts. Verhältnisse, die gradezu einladen zum Fotografieren. Das haben auch die Tour-Unternehmen gemerkt und ihrer Führer angelernt, mit einfachen Mitteln Perspektiven-Aufnahmen zu machen, die tricky und lustig aussehen. Einige sind in der Fotoschau unten zu sehen.

In Colchani am Rand der Salar de Uyuni wird Salz abgebaut und verarbeitet. Bei geschätzt 10 Milliarden Tonnen Salz, die in der Salar lagern, dürfte es eine Weile reichen. Das Salz ist allerdings, so sagt uns Froy, von minderer Qualität, da es kein Jod enthält. Es wird nur innerhalb von Bolivien verbraucht. Als zukunftsträchtiger könnten sich die riesigen Lithium-Vorkommen erweisen, die unter der Salar lagern. Vorausgesetzt Bolivien weiß sie wirtschaftlich für sich selbst zu nutzen.

In der Stadt Uyuni endet kurz nach Mittag unsere viertägige Exkursion. Für uns hat sie unbeschreibliche Eindrücke gebracht, die zu den Höhepunkten unserer Reise gehören. Sie hat uns allerdings auch immens geschlaucht. Deshalb sind wir am Ende auch froh, dass es vorbei ist. Wir bekommen zum Glück noch den Bus nach Potosi um eins.

[Ihr habt es vielleicht bemerkt: Ich hänge mit den Berichten zunehmend hinterher. Das liegt vor allem am Netz in Bolivien, das zwischen "Nicht gerade flott" und "Jetzt geht gar nichts mehr" pendelt. Besonders der Upload der Fotos ist eine quälende Angelegenheit. Wir sind inzwischen in La Paz.]

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Ein Kommentar zu “Tupiza, Bolivien: Atemberaubend”

  1. Renate sagt:

    Wirklich herrliche Bilder von einer herrlichen Lanschaft.
    Es grüßt Renate und Pico, wünschen weiterhin gute Reise

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