Tilcara, Argentinien: Kalt erwischt

Bevor wir die Grenze nach Bolivien überschreiten, wollen wir noch einen Stopp in Argentinien einlegen: Die “Quebrada de Humahuaca” ist eine reizvolle Schlucht, nördlich von Jujui. Der Wetterbericht hat einen Kälteeinbruch vorhergesagt. Er behält recht.

Als wir am Freitagmorgen (23. Mai) in Salta ins Taxi steigen, um uns zum Busbahnhof bringen zu lassen, ist es schon deutlich kühler als am Vortag und der Himmel bewölkt. Über die Provinzhauptstadt Jujuy fährt der Bus nach Tilcara in der “Quebrada de Humahuaca”, ein beliebtes Reiseziel wegen der vielfarbigen Felslandschaft. Doch durch die Fensterscheiben sehen wir nichts als Schlechtwetter-Grau. Als wir am Nachmittag in Tilcara aus dem gut beheizten Bus aussteigen, schlägt uns eiskalte Luft entgegen. Eine Kaltfront fühlt sich eben in 1.200 Meter (Salta) anders an als in 2.500 Meter (Tilcara) Höhe. Normalerweise ist es um diese Jahreszeit sonnig und tagsüber deutlich wärmer.

Wir nehmen ein Taxi zu unserem Quartier, das fünf Kilometer von Tilcara entfernt liegt im Dorf Maimará. Das “La Casa Chica Hostel” ist schlicht, aber hübsch eingerichtet und bietet nur drei Zimmer. Wir bekommen das Doppel mit dem Stockbett (!), denn das Zimmer mit konventionellem Doppelbett ist schon vergeben. Wegen seines lädierten Arms darf Dieter unten schlafen. Das Zimmerchen ist – wie hier üblich – ohne Heizung, und wir bibbern um die Wette. Schnell verziehen wir uns ins Gemeinschaftszimmer, wo Valeria, die Gastgeberin, einen gasbetriebenen Ofen anmacht, der den Raum leidlich erwärmt. Überhaupt Valeria: Die junge Frau kümmert sich von Anfang an herzlich um uns. Wir haben gleich das Gefühl, eher bei einer Freundin untergekommen zu sein als in einem Hostel. Unsere erste Regung “Hier bleiben wir nicht lange” wird vertrieben von wohliger Gastfreundschaft. Und Valeria hat noch einen großen Pluspunkt: Sie spricht Englisch. Nicht grade gut zwar, aber das tun wir ja auch nicht. Endlich mal jemand, mit der wir uns unterhalten können in Argentinien, dem Land in dem nicht mal Ärzte oder Mitarbeiter von Tourismusbüros etwas anderes als Spanisch sprechen.

Es gibt sie doch!

Wenig später kommen die Gäste, die das Zimmer mit Doppelbett erhascht haben, von einem Ausflug zurück. Es sind Antoine, ein junger Mann aus Frankreich, und seine Freundin Nesrin aus der Türkei. Aus der Türkei!!! Endlich, nach fast zehn Monaten des Reisens treffen wir in einem nordargentinischen Dorf eine Reisende aus der dem Land zwischen Bospurus und Anatolien. Der blondgelockte Antoine aus der Bretagne und die schwarzhaarige Nesrin aus Istanbul haben sich in Malaysia kennengelernt und ziehen seitdem zusammen um die Welt. Sie verständigen sich auf Englisch, das beide gut sprechen. Nesrin findet Erdogan ganz schrecklich. Ich kann mir die sanfte, selbstbewusste Frau gut als Demonstrantin auf dem Taksim-Platz vorstellen. Nesrin, die Ausnahme? Meine Erklärung dafür, dass man kaum auf türkische Traveller trifft, ist ja: Es gehört zur türkischen (und islamischen) Kultur dazu, die eigene Kultur zu überhöhen. Deshalb interessiert man sich nicht dafür, durch Reisen andere Kulturen kennenzulernen. Vielleicht etwas provozierend, die These, und wie alle Thesen undifferenziert. Aber es ist was dran, glaube ich. Es erklärt auch Verhaltensweisen von türkischen Einwanderern in Deutschland, die man ja auch kaum im Heimatmuseum ihres Wohnortes oder in einer Barockkirche antrifft, um sich anzusehen, wie man früher in Deutschland Kirchen gebaut hat. Nesrin und Antoine würden sich gut als Werbeträger eignen für eine Kampagne zum Eintritt der Türkei in die EU. So ein schönes Paar!

El Condor Pasa

Am Abend beschließen wir, gemeinsam im Leihauto von Antoine und Nesrin nach Tilcara zu fahren. Antoine hat, wie wir von Nesrin erfahren, heute Geburtstag, den achtundzwanzigsten. Valeria kennt ein Peña-Lokal, in dem auch heute Abend aufgespielt wird. Peña-Lokale sind einfache Restaurants, in denen einheimische Musiker Folklore spielen. Natürlich ist diese Tradition vielerorts inzwischen touristifiziert. Auch in unserem Lokal besteht die Gästeschar überwiegend aus Reisenden aus aller Herren Länder. Dieter bestellt zum ersten Mal ein Lama-Steak, das ihm Helga zurecht schneidet. Es schmeckt ähnlich wie Rind und erweist sich als etwas zäh, was am Lama oder am Koch liegen kann. Die Musiker zeigen sich als gute Animateure und fragen alle Gäste nach ihrer Herkunft. Instrumente sind neben Gitarre, Trommel, Pan-Flöte auch die Charango, ein gitarreähnliches Instrument mit fünf Doppelsaiten, etwa in der Größe einer Ukulele, das Dieter gerne mit nach Hause nehmen möchte. Wie nicht anders zu erwarten, fehlt auch “El Condor Pasa” nicht, kommt aber etwas weniger schnulzig rüber als bei Simon and Garfunkel. Aber auch in der Pop-Version sind die Charangos gut zu hören.

Nach dem vergnüglichen Abend macht am anderen Tag das Wetter unvergnüglich weiter. Der Himmel ist grau, die Luft saukalt und auf den Bergen hat es sogar ein wenig geschneit. Wir würden am liebsten in der guten Stube bleiben, zumal auch die Nacht in unseren Doppelstockbetten nicht grade erwärmend war. So ohne Sonne macht auch die vielfarbige Felslandschaft nicht viel viel her. Irgendwann entschließen wir uns doch, nach Ticara zu fahren. Wie die meisten Menschen hier machen wir das mit dem Taxi. Das sind eigentlich Privatautos, die als Taxis fungieren. Wenn vier Leute zusammenkommen, fährt das Taxi los und man zahlt dann 7 Pesos pro Person, also 60 bis 70 Cent. Viele Leute verdingen sich auf diese Weise als Taxifahrer.

Tilcara

Wir schauen uns im Ort etwas um. Es stehen noch etliche Gebäude aus der Kolonialzeit, die allesamt nur einstöckig sind. “Iglesia Nuestra Señora del Rosario” heißt die ockerfarbene Kirche des Ortes, eingeweiht 1865. Am zentralen Platz bieten Händler Kleidung und Kunsthandwerk an. Wir suchen nach etwas Wärmendem. Gern würde sich Dieter einen schicken folkloristischen Pullover kaufen. Aber ein solcher passt nicht über das Plastikgestell, mit dem der rechte Arm geschient ist. Wir finden zum Glück eine ärmellose Wolljacke in Grau, die etwas wärmt. Doch schon bald zieht uns die Kälte in ein Lokal zum Mittagessen und etwas später in ein Café. Beide sind schick-alternativ eingerichtet und stehen damit im Gegensatz zu den staubigen Straßen draußen. Wir nutzen die WiFi-Verbindung drinnen, denn aus das bietet die Valerias schlichte Herberge nicht.

Antoine und Nesrin sind inzwischen abgereist, Richtung Salta. Ihr Zimmer hat ein ebenso junges Paar aus Frankreich bezogen, das aber meist auf dem Zimmer bleibt. Überhaupt sind die Franzosen in Argentinien stark vertreten, was vielleicht auch daran liegt, dass sie Spanisch als Fremdsprache hatten. Deutsche, Niederländer und Skandinavier trifft man viel seltener als in Südostasien, von Neuseeland, Australien und Fidschi ganz zu schweigen. Wir unterhalten uns mit Valeria, die darauf besteht, uns eine dritte Nacht zu schenken. Valeria kümmert sich nicht mehr viel um Nachrichten und Politik. Sie meint, durch politisches Agieren könne man eh nichts erreichen. Ihr Land sieht sie in den Händen eines korrupten Klüngels. Für die armen Provinzen im Nordwesten springe nichts heraus. Sie findet es schade, dass gerade viele junge Argentinier kulturell verarmt seien. Die Alten würden oft ein Instrument spielen oder malen, die Jungen nur noch herumhängen. Valeria setzt auf die Veränderung im Kleinen, auf die Gemeinschaft von Freunden, die anders leben. Ich halte ihr meine Überzeugung entgegen, dass beides sein muss, die Veränderung des persönlichen Lebensstils und das Agieren in den gesellschaftlichen Institutionen.

Pucará de Tilcara

Auch der nächste Tag, der Samstag, gibt der Sonne und dem blauen Himmel keine Chance. Dieter fotografiert noch ein wenig auf dem Friedhofshügel von Maimará herum, weil er die Gestecke aus bunten Kunstblumen vor der kargen braunen Erde als reizvollen Kontrast empfindet. Am Nachmittag ging’s dann doch nochmal nach Tilcara. Wenn wir schon wegen des eiskalten Wetters die Landschaft nicht genießen konnten, dann wollten wir wenigstens noch die bedeutsamste Sehenswürdigkeit Tilcaras anschauen. Das “Pucará de Tilcara” sind die Überreste eines indianischen Wehrdorfes aus der vorkolumbischen Zeit, rund 900 Jahre alt. Sie gelten als eine der bedeutendsten archäologischen Stätten Argentiniens. Ähnlich wie die Ruinen von Quilmes Sind sie ein beeindruckendes Beispiel für die Baukunst der indigenen Völker vor Ankunft der Spanier. Wir sind allerdings der Kälte wegen nur wenig fähig zu kulturellen Betrachtungen und eilen zwischen den Steinmauern hindurch. Leider ist das Museum in Tilcara, das zahlreiche Exponate aus verschiedenen indigenen Kulturen zeigt, am Vortag des argentinischen Nationalfeiertags geschlossen. Auf dem Weg zur archäologischen Stätte kommen wir übrigens an Tilcaras Fußballplatz vorbei, wo grade ein Spiel ausgetragen wird. Kein feiner Rasen, sondern ein Steinacker. Dort hinzufallen muss sehr, sehr weh tun!

So bleibt uns in Tilcara und der Quebrada de Humahuaca wetterbedingt das große landschaftliche Erlebnis versagt. Die Kälte draußen hat die Herzenswärme Valerias aber mehr als wett gemacht, wenn ich mich mal etwas pathetisch ausdrücken darf. Vielleicht kommt Valeria nächstes Jahr nach Europa. Wir würden uns freuen, wenn sie auf unsere Couch surfen würde.

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Ein Kommentar zu “Tilcara, Argentinien: Kalt erwischt”

  1. Eugen sagt:

    sehr schön! es gab übrigens jüngst in Hamburg einen Streik der Taxifahrer, weil die Sache mit den Privatautos als Taxiersatz Thema war…

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