Tafi del Valle, Argentinien: Ruhe und Ruinen

Wir sind unterwegs nach Norden und wollen weiter bis Tafí del Valle. Der Gebirgsort ist ein Ausgangspunkt für den Besuch der Ruinen von Quilmes. Die Einwohner widerstanden der Invasion der Inkas, erst die Spanier schleiften die Festung.

Dummerweise müssen wir von San Augustin erstmal wieder in Richtung Süden, vier Stunden nach San Juan. Der Fahrplan der Busse will es so. Und da der Bus erst um 14 Uhr abfährt kommen wir um eine Übernachtung in San Juan nicht herum. Das “San Juan Hostel”, vom “Lonely Planet” als “ausgezeichnet” beschrieben, erweist sich als ausgesprochen mies. Na ja, eine Nacht …

La Rioja

Am Mittwoch (14. Mai) fahren wir weiter nach La Rioja, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Außerhalb der Städte sehen wir neben der Straße oft zusammengezimmerte Hütten als Behausungen, die ähnlich ärmlich wirken wie die, die wir in Laos sahen oder auf Flores. In La Rioja steigen wir im Gran Hotel Embadajor ab. Ein Grandhotel ist das nicht, aber eine ordentliche Herberge, die ihr Geld wert ist.

Obwohl die Stadt La Rioja keine bedeutenden Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, wollen wir zwei Nächte bleiben. Wir wollen den Aufenthalt nutzen, um in Ruhe unsere Weiterreise zu planen. Doch diese Ruhe haben wir leider nicht. Denn als wir am nächsten Tag mit Helgas Kreditkarte Geld ziehen wollen, klappt das an mehreren Automaten nicht. Ein Anruf bei der DKB bringt Aufklärung: Die Karte ist gesperrt worden, weil es offenbar einen Versuch des Missbrauchs gegeben hat. Fortan sind wir allein auf Dieters Karte angewiesen. Uns bleibt auch nichts erspart …

Ansonsten gefällt uns La Rioja überraschend gut. Die Stadt ist nicht hektisch, und der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Region wird als eine der ärmsten Argentiniens beschrieben. Davon merken wir in der der Stadt allerdings nichts – im Gegenteil, uns wundert, dass sich in den Straßen ein Bekleidungsgeschäft ans andere reiht. Die Plaza 25 de Mayo, der zentrale Platz der Stadt mit seinen Palmen und Orangenbäumen, ist wirklich schön. Einen als Park gestalteten zentralen Platz, um den die Hauptkirche und andere wichtige Gebäude stehen, scheint so ziemlich jede Stadt zu haben. Ein grüner Treffpunkt mitten in der Stadt, ist eine sympathische städtebauliche Idee, die ja in Deutschland kaum anzutreffen ist.

Den Freitag (16. Mai) verbringen wir wieder hauptsächlich im Bus. In Tucuman, der nächsten Provinzhauptstadt, müssen wir umsteigen, um nach Tafi del Valle zu kommen. Der Busbahnhof ist riesig. Bestimmt 60 bis 70 Haltebuchten für Busse gibt es hier, die Halle beherbergt Cafés und Geschäfte. Der Busbahnhof mutet schon fast wie ein Flughafengebäude an.

Durch die enge Schlucht des Rio de las Sosas, die mit dichtem Wald bestanden ist, fährt der Bus bergan Richtung Tafi del Valle. Oben löst ein weites, karges Tal das üppige Grün der Schlucht ab. Dahinter erheben sich die Gipfel der Sierra del Aconquija, die Höhen von 4.500 Meter erreichen. Nach dem Ort El Mollar und seinem Stausee erreichen wir Tafi.

Tafi del Valle

Der Bergort auf gut 2.400 Meter Höhe ist ein beliebtes Wochenendziel der Bewohner von Tucuman, besonders im Sommer, wenn die Hitze in der Großstadt unten schwer erträglich ist. Die Kühle der Höhenluft spüren wir am Abend: Sobald die Sonne versunken ist, sinken auch die Temperaturen auf wenige Grade über Null. Wir schichten mehrere Kleidungsstücke übereinander, denn einen warmen Pullover oder eine dicke Jacke zu kaufen war ja bisher nicht notwendig. Unser Zimmer im Hotel Virgen del Valle lässt auch nicht beheizen, zum Glück hält sich die Wärme des Tages bis in den Abend hinein. Wir genießen die Ruhe in der Nacht.

Der Bergführer

Am Samstag bummeln wir durch den Ort, viel ist nicht los. Wir sind versucht, in einem der zahlreichen Läden, die sich hier an Touristen richten, etwas Wärmendes zu kaufen. Aber nur, weil’s hier abends kalt wird, wer weiß, wann wir’s wieder brauchen werden? Wir verkneifen uns die Anschaffung zu Touristenpreisen. Beim Anstieg auf den Cerro El Pallado wird uns auch schon wieder eher zu warm, obwohl wir nur rund 200 Höhenmeter überwinden müssen. Dieter würde ja gerne höher hinaus, muss davon wegen seines kaputten Arms davon Abstand nehmen. Die Tour auf den Hügel ist schon grenzwertig, wenn man einen Arm nicht gebrauchen kann. Stolpern und erneut auf den Arm knallen wäre wirklich ungut. Aber wir haben ja einen zuverlässigen Führer zum Gipfel: Im Städtchen hat sich uns ein Straßenhund zugesellt und läuft immer einige Meter voraus den felsigen Weg hinauf. Oben am Kreuz macht er mit uns Rast und genießt wie wir den wundervollen Blick auf Tafi und die Berge. Erst als wir wieder unten in der Stadt sind weicht uns wieder von der Seite und schließt sich seiner Hunde-Peergroup an. Hunde ohne Herrchen sind ja so sympathisch!

In einem winzigen “Reisebüro” am ungewöhnlichen, weil dreieckigen Dorfplatz, buchen wir für Sonntag eine Tour zu den Ruinen von Quilmes. 360 Pesos (rund 32 Euro) pro Person zahlen wir die ganztägige Fahrt. Die Lokalsuche fürs Abendessen erweist sich immer als etwas schwierig. Uns grummelt ja schon meist um 19 Uhr der Magen. Vor 20 Uhr machen aber die Restaurants in Argentinien nicht auf. Und wenn man zur Tagesschau-Zeit eine Speisegaststätte betritt, dann ist man dort in der Regel mit dem Personal allein, das so früh noch keine Gäste erwartet hat und zunächst die Tafel mit den Angeboten des Abends rausstellen muss. Erst zwischen 21 und 22 Uhr füllt sich meist das Lokal, dann wenn wir schon nach der Rechnung rufen.

Nach Quilmes

Am Sonntagmorgen holt uns der Fahrer für die Tour nach Quilmes ab. Pedro, ein junger Mann, fährt allerdings nicht wie erwartet mit einem Minibus vor, sondern in einem Kastenwagen der Firma Renault, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Und er stiftet bei uns zunächst Verwirrung, weil er uns Geld zurückgeben will. Erst allmählich verstehen wir: Wir sind nicht die einzigen Teilnehmer, sondern zwei weitere kommen mit, deshalb halbiert sich der Preis. Unerwartet anständiges Verhalten, kann man dazu nur sagen.

Es steigen dann noch Maria und Kristina zu, zwei junge Frauen aus Buenos Aires, und Pedro gibt Gas. Der PS-schwache Renault zuckelt gemächlich die Serpentinen hoch. Unter uns liegt Tafi unter einer dichten Nebeldecke, über uns scheint die Sonne. Der sympathische Pedro, der offenbar an der Uni studiert, erklärt viel während der Fahrt, wovon wir allerdings mangels Spanisch-Kenntnissen kaum was haben. Er hält oft an zum Fotografieren, knipst selbst am Steuer wie ein Weltmeister. Nach langer Kurvenfahrt erreichen wir den Pass “El Infiernillo” in 3.042 Meter Höhe. Dort ein kleiner Laden mit Kunsthandwerk, Hunde, Schweine und als Star ein junges Lama, das sich für die Fotografen die Milchflasche geben lässt.

Von nun an geht’s bergab durch eine Schlucht, die sich dann zu einem Tal weitet. Die riesigen Kandelaar-Kakteen werden häufiger, und wir halten, um uns unter ein besonders eindrucksvolles Exemplar zu stellen. So acht bis zehn Meter dürfte das hoch sein. Schließlich erreichen wir bei Amaicha eine weite Ebene.

Museo de Pachamama

Am Ortseingang liegt das Museo de la Pachamama. Der Besuch lohnt. In dem modernen und in indianischer Steinarchitektur gebauten Museum wird der Kult um die Pachamama erklärt, der Göttin der Erde und der Fruchtbarkeit erklärt. Der Naturglaube an die Pachamama ist noch immer lebendig, obwohl die Bevölkerung streng katholisch ist. Interessant ist das Museum aber vor allem wegen seiner Darstellungen des Alltagslebens der indigenen Bevölkerung vor der Eroberung des Gebiets durch die Spanier. In den beiden letzten Räumen sehen wir dann noch eine Sammlung von Gemälden mit indianischen Motiven. Einige davon würde ich mir gerne in die Wohnung hängen.

Die Ruinen

Wenige Kilometer nach Amaicha erreichen wir die Abzweigung, von der eine staubige Piste zu den Ruinen von Quilmes führt. Dort können wir uns einer Führung anschließen, die es aber selbstverständlich nur auf Spanisch gibt. Deshalb zitiere ich aus dem Know-How-Reiseführer
Argentinien: “Zu Beginn des 11. Jahrhunderts bauten die Quilmes-Indianer … hier eine neue Stadt, in der vor der Eroberung etwa 5000 Menschen wohnten. Um sich gegen andere Indianer-Völker wie die Inka und die Calchaquies zu schützen, errichteten sie eine Festung, deren Ruine heute zu bewundern ist und deren dicke Mauern ein gutes Zeugnis von der indianischen Baukultur geben.”

Wir steigen bis zu einem Aussichtspunkt hoch. Von hier oben können wir die eindrucksvolle Anlage gut erkennen, haben außerdem einen wunderbaren Blick über die mit Kakteen bestandene Ebene. Ein wenig Machu-Pichu-Gefühl kommt dabei auf. Quilmes zeigt, wie hoch stehend die indigene Kultur auch abseits der Inka-Bauwerke war. Den Angriffen der Inkas hielt die Quilmes-Festung noch stand. Erst die Spanier konnten 1665 die Festung einnehmen, allerdings erst nach 35-jähriger Gegenwehr. 270 überlebende Familien zwangen die Spanier zu einem Fußmarsch über 1.000 Kilometer nach Buenos Aires. Die wenigen, die den Marsch überlebten, starben dort an Krankheiten. Eine Vorstadt der argentinischen Hauptstadt trägt noch heute den Namen Quilmes.

Müde aber mit vielen Eindrücken kehren wir nach Tafi del Valle zurück und verabschieden uns von unseren netten Mitreisenden. Wie gerne würde ich mich mit Argentiniern, gerade den jungen, unterhalten. Aber dafür muss ich erst Spanisch lernen.

Am Abend lernen wir erstmals die regionale Küche kennen. In einem kleinen Lokal gibt es Lokro, einen Eintopf mit Möhren, Hülsenfrüchten und Fleisch – war’s Lama? Jedenfalls eine willkommene Abwechslung von der Fleisch-mit-Pommes-Diät.

Am Montag verlassen wir das ruhige Bergstädtchen Tafi del Valle. Wir haben eine Fahrkarte für den Bus nach Salta.

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3 Kommentare zu “Tafi del Valle, Argentinien: Ruhe und Ruinen”

  1. Rohn sagt:

    Hallo Helga und Dieter, danke für den wundervollen Bericht, wir reisen mit euch, kennen wir doch die Gegend. Fahrt ihr in Salta auch mit dem “Tren a las nubes”? Wir genossen seinerzeit die Fahrt, die Landschaft und vor allem die Brückenkonstruktionen, an denen auch Monsieur Eiffel beteiligt war.
    Passt gut auf euch auf, weiterhin gute Heilung für Dieters Arm.
    Das wünschen sich für euch
    Volker und Karin

  2. Dieter sagt:

    Hallo Karin und Volker, ich hinke ja mit den Berichten zeitlich etwas hinterher. In Salta waren wir schon, haben uns aber den “Tren a las Nubes” schweren Herzens verkniffen. Er verkehrt nämlich zur Zeit nur samstags, und wir hätten einige Tage länger bleiben müssen wegen des Zuges. Wir haben heute die Grenze zu Bolivien überquert und sind bis Tupiza gefahren.
    Danke für die Genesungswünsche an euch und bei der Gelegenheit auch mein Dank an alle anderen, die mir gute Besserung gewünscht haben.
    Dieter, auch im Namen von Helga

  3. Rohn sagt:

    Hallo ihr 2,
    ich bin es noch einmal. Ihr fahrt auch nach Uyuni? Ein absolutes Muss!!!. Der Salar de Uyuni – größter Salzsee der Welt – ist einfach spektakulär. Wir sind von Villazon nach Uyuni mit einem Bus gefahren, ein Horrortripp, da die Indios in Bolivien die Bahnstrecke bestreikten. Vielleicht noch ein Tipp, in Bolivien ist das Fliegen mit der Bolivianischen TAM, einer Militärairline, unglaublich preiswert.
    Alles Liebe und Gute weiterhin,
    herzlichst
    Volker und Karin

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