Sydney, Australien: Sauber, Sauber

Unsere Herberge liegt in Kings Cross, das als “Rotlichtviertel” Sydneys gilt. Wo sind die “Damen”, wo der Alk, wo der Müll?

Kurz nach sieben am Donnerstagmorgen landet der Jetstar-Flug QS 38 auf dem Kingsford Smith Airport in Sydney. Wir haben während des Nachtflugs kaum geschlafen. Nur gut, dass ein kleiner Shuttle- Bus uns für 15 australische Dollar (AUD) pro Person direkt bis vor die Tür von “The Original Backpackers” bringt. Sydneys ältester Backpacker (seit 1980) liegt wie gesagt in Kings Cross, einem zentral gelegenen Viertel. Dass es sich ums “Rotlichtviertel” der Stadt handeln soll, haben wir erst nach der Buchung gelesen. Wir haben die Reeperbahn im Kopf als wir in der Victoria Street aussteigen. Nicht einmal das Rotlicht einer Ampel ist dort zu sehen. Sondern eine ruhige, baumgesäumte Straße, die so gutbürgerlich auch in Hamburg-Eimsbüttel liegen könnte.

Wir checken im Backpacker Hostel ein. Diese Unterkünfte kennen wir von unseren Neuseeland-Reisen. Sie haben einst als lockere Alternative zu den althergebrachten Jugendherbergen angefangen, sind inzwischen aber auch für ältere Semester eine relativ preisgünstige Alternative zum Hotel. Unsereins muss ja nicht im Dorm schlafen, dem Gruppenschlafsaal, sondern leistet sich ein Doppelzimmer mit eigenem Bad. Unseres liegt im Erdgeschoss zum Innenhof hin, der hier Essplatz und Treffpunkt ist. Unsere Befürchtung, bis nachts um drei Remmidemmi zu erleben, ist unbegründet: Zwischen abends zehn und morgens sieben ist der Hof als Aufenthaltsort tabu – und die jungen Leute halten sich daran! Brav.

Alkohofreie Zone

Nachdem wir uns für ein paar Stunden aufs Ohr gelegt haben, gehen wir am Nachmittag erstmals in die Stadt. Ziel – wie könnte es anders sein – die Oper. Gleich als wir vorm Backpacker auf die Victoria Street treten, fällt uns ein Schild auf, das den Alkoholgenuss dort verbietet. Das sollte man mal in Hamburg versuchen, dann gäbe es einen Aufschrei – “Anschlag auf die Freiheitsrechte der Bürger” würden die Grünen titeln und die “Rote Flora” würde zum “Glühwein trinken gegen Gentrifizierung und Repression” aufrufen! In Sydney scheint das Alkverbot jeder zu schlucken.

Das Sydney Opera House scheint fußläufig erreichbar zu sein, behauptet jedenfalls Dieter. Helga zweifelt dran und weist auf ihre Müdigkeit und Gehschwäche hin, läuft aber wie immer mit. Wir gehen die Williams Street entlang, eine vierspurige Hauptstraße, die direkt aus die Wolkenkratzer der City zuläuft, dann über einige Nebenstraßen zu einem weitläufigen Park, vorbei am Parlamentsgebäude des Staates New South Wales in den Botanischen Garten und blicken nach gut einer halben Stunde Gehzeit auf die charakteristische Dachkonstruktion.

Saubere Stadt

Was uns beim Spaziergang aber als erstes auffällt und beeindruckt, ist die Ruhe, die die Stadt ausstrahlt. Das ist zum einen ganz akustisch gemeint. Moped-Geknatter, frühmorgentliche Muezzin-Rufe über Lautsprecher, die ständigen “Hello Mister”-Ansprachen – all das ertönt hier nicht. Die Reizschwelle unserer Ohren ist ja nach Asien herabgesetzt. Der Verkehr in Sydney ist mäßig, die Toyotas und BMWMercedesAudis gleiten surrend über den Asphalt. Auf den breiten, aufgeräumten Gehsteigen ist Platz für Fußgänger im Überfluss. Im Park verlieren sich auf dem weiten Rasen ein paar Sonnenhungrige. Die Geräusche sind gedämpft, keine Ansprache, die wir angestrengt überhören müssten. Der ganze südostasiatische Ameisenhaufen fehlt.

Und noch etwas fällt uns auf: Die Stadt ist sauber, unheimlich sauber. Keine Dosen, keine zerdepperten Flaschen, keine Plastik-Verpackungen liegen herum. Kein Müll, wohin man blickt. Wie machen die das? Die Stadt stellt in großer Zahl Mülleimer auf, schön getrennt nach Abfallart, und die Bürgerinnen und Bürger benutzen die auch. Niemand kommt auf die Idee, etwas auf den Boden zu schmeißen, weil er zu faul ist, zehn Meter zum Eimer zu gehen. Nebenbei: Die Städte in Asien, die wir gesehen haben, sind sicher nicht so sauber wie Sydney. Berücksichtigt man aber die Umstände, unter denen die Menschen dort leben, dann ist der vermüllteste Ort seit Reisebeginn noch immer Hamburg-Wilhelmsburg, Reiherstiegviertel. Einwohner Sydneys müssen schockiert sein, wenn sie in die Hansestadt kommen!

Sydney Opera House

Bevor ich jetzt ganz abschweife: Ja, schon am ersten Tag in Sydney stehen wir vor der Oper. So ganz nah dran, sieht das alles etwas anders aus als auf den Fotos und Filmen, die man gesehen hat. Vor allem, wenn man wie wir zunächst auf der “falschen”, weil wasserabgewandten Seite steht. Erst vom Wasser aus und von weitem wirkt das Gebäude so imposant wie man es kennt, finde ich. 1959 begannen die Bauarbeiten, 1965 sollte das Haus fertig sein, tatsächlich eröffnet wurde die Oper 1973. Die Kosten lagen schließlich um das dreizehnfache über den ursprünglich veranschlagten. Mit dem dänischen Architekten Jorn Utzon verkrachte sich die Regierung so nachhaltig, dass er 1966 Australien verließ und nie wieder das Land betrat. Heute ist die Oper Australiens größte Touristenattraktion und mit Ayers Rock das Wahrzeichen des Landes. Vielleicht wiederholt sich Geschichte bis zum Happy End, liebe Elbphilharmonie!

Wir waren zu müde, um eine Führung durchs Innere der Oper mitzumachen. Wär bestimmt interessant gewesen! Drin waren wir trotzdem, Helga hatte nämlich Hunger und deshalb stellten wir uns in einem Schnellrestaurant im Innern ein bescheidenes Mahl (Sandwich, etwas Gemüse, ein Hühnerbein) zusammen. Unbescheidene 43 AUD werden wir los! Zurück im Backpacker kommt am Abend die erfreuliche Nachricht, dass es mit unserem Camper klappt. Die Leute von www.billiger-camper.info haben sich sehr reingelegt, für uns noch einen kleinen Wagen aufzutreiben. Ab Montag werden wir in einem “Spaceship” unterwegs sein.

Stadtrundfahrt

Am Freitag folgen wir dem Rat des Reiseführers (wieder ein “Loose”, begleitet von “Lonely Planet”), eine Stadtrundfahrt zu unternehmen. Die roten “Explorer”-Doppelstöcker drehen ihre Runden durch die City und die angrenzenden Stadtteile. Die Fahrlarte gilt 24 Stunden, und man kann beliebig an den Haltestellen aus- und einsteigen. Kosten 40 AUD pro Person (ca. 27 Euro). Mit dem Kopfhörer im Ohr, aus dem auch deutschsprachige Erklärungen ertönen, setzen wir uns aufs offene Oberdeck. Wieder bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen (25 Grad, trockene Luft, frische Brise).

Wir fahren durch die Hochhausschluchten der City, vorbei am Sydney Tower, dem Aussichtsturm, an der alten Town Hall aus Sandstein, streifen Chinatown (17 Prozent der Einwohner sind asiatischer Abstammung), blicken auf den Hydepark, kommen vorbei am Australian Museum, größtes Naturkunde-Museum des Landes, und natürlich wieder an der Oper. In Darling Harbour steigen wir erstmals aus. Das Gelände wär bis Anfang der 1980er Jahre ein heruntergekommenes Hafenareal direkt gegenüber der City. Danach wurde es zu einem Freizeitzentrum mit zahlreichen, Restaurants, Ladenpassagen, Museen umgewandelt. Ein Kino mit der angeblich größten Leinwand der Welt befindet sich dort und das Sydney Aquarium, wo man Haien ins Auge blicken kann. Wir erfreuen uns einfach an der wunderschönen Lage an der Bucht und an dem Ausblick auf die City Skyline. Ich gehöre übrigens zu den Menschen, die meinen, dass eine richtige Großstadt auch Hochhäuser braucht. Aus ästhetischen und ökologischen Gründen.

Der Hunger treibt uns in ein Schnellrestaurant. Dort erleben wir ein etwas verstörendes Beispiel der restriktiven Politik der Stadtväter. Denn am Eingang steht tatsächlich ein Schild, das darauf hinweist, dass unter Achtzehnjährige per Gesetz nur in Begleitung eines Erwachsenen die Gaststätte betreten dürfen. Wohlgemerkt, es handelt sich nicht um eine zwielichtige Bar, sondern um einen besseren McDonalds ohne Alkoholausschank! Übertreiben die nicht ein bisschen, die Australier??

Harbour Bridge

Wir steigen an der zweiten ganz großen Touristenattraktion und Wahrzeichen Sydneys aus, der Harbour Bridge. Die mit Auffahrrampen 1149 lange Brücke überspannt den Hafen Port Jackson und verbindet die City mit den nördlichen Stadtteilen. Sie ist Auto-, Bahn- und Fußgängerbrücke in einem. Wahrlich eine gewaltige Stahlkonstruktion mit einer Spannweite von 503 Metern. Die höchste Stelle des Brückenbogens liegt 134 Meter überm Meer. Dorthin kann man auch hochklettern. Der Preis von 235 Dollar pro Person lässt uns vor dieser Herausforderung Abstand nehmen.

Die Aussicht vom Pylon Lookout im Südturm der Brücke ist grandios genug! Die Oper, die City-Skyline, der Hafen, alles lässt sich von hier überblicken. Ein Highlight im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Ausstellung im Brückenturm berichtet über die Entstehung der größten Bogenbrücke der Welt. 1932 wurde sie nach achtjähriger Bauzeit eröffnet. Der Bau der Brückeningenieurs John Bradfield gab tausenden Menschen während der Depressionszeit Arbeit und wurde mehr als doppelt so teuer als geplant. Ich denke an die Hamburger Köhlbrandbrücke, die ja ein ähnlich imposantes Bauwerk ist. Ihr fehlt allerdings die Zugänglichkeit, und deshalb lässt sie sich nicht als Touristenattraktion vermarkten. Schade, eigentlich. Da fehlte den Hamburger Stadtoberen wohl der weite Blick …

Am Strand

Am Samstag (18. Januar) machen wir Strandtag. Der Vorort Bondi liegt nur eine halbe Stunde von der City entfernt, und der zugehörige Strand gehört zu den beliebtesten Sydneys. Unser 24- Stunden-Ticket für den Explorer-Bus gilt noch, und so können wir mit dem Sightseeing-Bus bis zum Bondi-Beach fahren. Der Sandstrand der weit http://www.billiger-camper.info Bucht leuchtet schon von weitem.

Das schöne Wetter hat schon Tausende hierher geführt, der Strand ist aber so breit, dass man nicht wie die Heringe liegen muss. “Breit” ist hier auch wohl kaum einer, denn eine große Leuchttafel weist am Zugang zum Strand darauf hin, dass Alkoholkonsum verboten ist. Und damit es gerecht zugeht, darf man auch der Nikotinsucht nicht frönen. Habe ich schon gesagt, dass auch dieser Strand sehr, sehr sauber ist?

Unsere erste Berührung mit dem Meerwasser löst einen Kälteschock aus. Nein, so einfach ins lauwarme Wasser hüpfen wie in Südostasien, das geht hier nicht. Langsam ans kalte Wasser gewöhnen und dann mit Überwindung untertauchen, ist hier angesagt. 19,4 Grad lesen wir später angeschrieben. Dann aber macht das Baden Riesenspaß, vor allem weil die Brandung so stark ist, dass man sich schön von den Wellen umhauen lassen kann.

Kein Wunder, dass hier auch viele ihre Surfbretter auspacken – und ihre Waschbrettbäuche gleich dazu. Nicht erst hier am Strand ist uns aufgefallen, dass viele Australier zum Körperkult neigen. Bodybuilderhafte Muskelberge an den Oberarmen sind eher die Regel als die Ausnahme. Und die Mädels joggen sich jedes vermeintliche Gramm zuviel gleich wieder ab.

Wir wollen auch nicht faul sein, und gehen den Weg von Bondi an der Steilküste entlang. Schöne Ausblicke überall, und alles perfekt ausgebaut. In einem dieser modernen Cafés, die man auch bei uns in Großstädten findet, essen wir die abgelaufenen Kalorien bei Bircher Müsli und Salat fast wieder an.

Ein bisschen Rotlicht

Am Samstagabend machen wir uns auf die Suche nach dem “Rotlicht” in Kings Cross. Das heißt, wir gehen einmal über die Darlinghurst Road. Tatsächlich, eine rote und blaue Leuchtschrift weist auf “Porky’s Nite Spot” hin, daneben leuchtet eine liegende Dame mit sehr langen Beinen. Tatsächlich, einige wenige Damen, die wartend an Hauseingängen stehen, könnten Damen in Gänsefüßchen sein. Ein paar Kneipen, wenige Menschen, die randständig aussehen, das alles auf einem Straßenanschnitt von kaum 200 Meter Länge. Gleich dahinter die German Backery “Lüneburger”, die mit Schwarzbrot versorgt. Nein, das “Rotlicht” Sydneys überstrahlt die Reeperbahn nicht! Und habe ich schon gesagt, dass selbst die Darlinghurst Road sehr sauber ist?

Erstmals seit Beginn unserer Reise kochen wir selbst mal wieder was. Das heißt Helga macht in der Küche des Backpackers Penne mit ein paar Tomaten, Champignons und Fertigpesto. Der Besuch zuvor im Supermarkt zeigt, dass auch die Lebensmittelpreise deutlich über denen in Deutschland liegen. Wir haben uns schon darauf eingestellt, dass Australien die größten Löcher in unsere Reisekasse reißen wird.

Am Sonntag lassen wir es ruhig angehen. Wir müssen waschen. Was in Laos/Vietnam/Indonesien ein freundlicher und günstiger Laundry-Service übernommen hat, müssen wir hier selbst erledigen. Also ins Waschcenter und erst mal rauskriegen, welche Münze man wo reinsteckt. Die australischen Münzen sind übrigens je mehr wert, je kleiner sie sind.

Alternatives Flair?

Am Nachmittag haben wir uns einen Besuch von Glebe vorgenommen. Der Stadtteil, nur ein paar Busstationen von der City entfernt, wird im Reiseführer als “Studentenviertel mit alternativem Flair” beschrieben. Aber was heißt schon “alternativ”? Dass der Kaffee in einigen Läden “organic” ist? Dass es ein paar Buchläden und Antiquariate gibt und ein Restaurant mit veganer Kost? Wenn man mit “Studentenviertel mit alternativem Flair” vor allem ein Quartier mit einer lebendigen, bunten Straßenszenerie verbindet, dann enttäuscht Glebe schon etwas. Im Gegensatz zur City, die auch am Sonntag viele zum Einkaufen anzieht, geht es hier sehr ruhig zu. Obwohl auch in Glebe die meisten der kleinen Läden offen haben – wir schauen uns in einer Buchhandlung um – sind nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs, die zudem auch gar nicht “alternativ” aussehen. Außerdem: Wo sind die politischen Parolen, mit denen in Hamburg bornierte Besserwisser die Hausfassaden zieren? Graffitis? Nirgends. Alles schön sauber, auch im “alternativen” Glebe.

Spannend auf Dauer?

Ein vorsichtiges Fazit: Sydney ist für Besucher sicher ein faszinierende Stadt. Allein schon der Lage wegen, dem Hafen, den Stränden, der an New York erinnernden Skyline. Und natürlich: das Opera House, die Harbour Bridge. Und man unendlich viel unternehmen von Sport bis jede Art von Kultur. Ob Sydney auch eine spannende, kreative Stadt ist, wenn man auf Dauer dort lebt, ist eine offene Frage. Ich bin ja sehr auf der Sauberkeit der Stadt herumgeritten. Die Sauberkeit der Stadt war ja Leitmotiv dieses Beitrags. Und die “harte Hand” der Stadtoberen, die sicher keine “Sicherheitszone” einrichten müssen, damit Polizisten verdachtsunabhängig kontrollieren dürfen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Unordnung und Müll als Voraussetzung für Kreativität halten. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es in Sydney Leute schwer haben, deren Lebensentwürfe nicht dem Mainstream entsprechen.

Was ich in Sydney übrigens auch nicht so gesehen habe, ist interessante, moderne Architektur. Die spektakuläre Oper ausgenommen, klar. Ich meine das, was man in europäischen Städten an Bauweisen unterhalb des ganz Spektakulären durchaus sehen kann. Zum Beispiel die IBA-Bauten in Hamburg-Wilhelmsburg ;-).

Am Montag beginnt dann unser Camping-Abendteuer. Ich bezweifle, dass es auf den Plätzen WLAN gibt. Arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Also, Geduld bitte.

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Ein Kommentar zu “Sydney, Australien: Sauber, Sauber”

  1. Rohn, Volker u. Karin-Sybille sagt:

    hallo Helga und Dieter,
    mit großer Freude las ich gerade den Bericht über Sydney, für mich die schönste Stadt der Welt. Erinnerungen kamen hoch, schade, dass Ihr Euch den Fischmarkt mit den herrlichen Restaurants und den leckeren Austern und anderen Delikatessen angesehen habt. Wie gern wäre ich jetzt bei Euch in Australien. Hat Kings Cross immer noch die “Happy Hour”?
    Macht`s gut, ich warte mit großer Spannung auf die nächsten Berichte.
    Alles Liebe Euch,
    Karin

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