Santiago, Chile: Café mit Beinen

Santiago de Chile ist unser Tor nach Südamerika. Die chilenische Hauptstadt präsentiert sich als lebendige Metropole, in der es geordnet zugeht.

Da mein letzter Bericht ja etwas abrupt mit dem Armbruch endete, zunächst aber noch ein Schlusswort zu Fidschi: Schöne Landschaften, teils wunderschöne Strände, kaum Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn. Die Menschen – damit meine ich den polynesisch-melanesischen Bevölkerungsteil, mit dem wir hauptsächlich zu tun hatten – gehören zu den liebenswürdigsten und friedlichsten, die wir auf der Reise getroffen haben. Die Formel “Arm, aber glücklich” wäre sicher daneben, weil sie die schwierigen Verhältnisse verharmlost, unter denen die Bevölkerung lebt. Dennoch scheinen hier viele noch nicht aufs Hamsterrad materiellen Erfolgs steigen zu wollen. Vielleicht das Schönste am Land.

Zu meinem Arm gibt es eine gute Nachricht und eine schlechte. Die gute ist: Ich kann damit tippen. Die schlechte ist: Ich kann damit tippen. Bei anderen Verrichtungen des täglichen Lebens muss ich manchmal Helga um Hilfe bitten. Zum Beispiel den Bundknopf meiner Hose zuzumachen. Oder meine Schuhe zu schnüren. Ein Steak müsste mir in mundgerechte Stücke geschnitten werden.

Zur medizinischen Seite: Meine Knochen sind nicht gesplittert und nur minimal verschoben, gute Voraussetzungen also, um wieder zusammen zu wachsen. Meine Recherche im Netz zur Radialköpfchen-Fraktur zeigt mir allerdings auch, dass es wichtig ist, den Arm früh zu trainieren. Sonst besteht die Gefahr, dass die Beweglichkeit dauerhaft eingeschränkt bleibt. In Deutschland würde ich vielleicht schon nächste Woche zur Krankengymnastik gehen. Geht auf Reisen natürlich schlecht. Von Helgas Schwester Karla, die Krankengymnastin ist, habe ich ein paar Tipps bekommen, was ich selbst machen kann. Wir wollen aber nächste Woche in Argentinien nochmal einen Arzt um Rat bitten.

Nun aber zum Fortgang unserer Reise: Am Dienstag (29. April) haben wir eine lange Reise vor uns. Von Nadi über Auckland nach Santiago de Chile, mit Wartezeit etwa 18 Stunden. Dennoch kommen wir am selben Tag an, keine drei Stunden später als wir abgeflogen sind. Denn wir fliegen diesmal über die Datumsgrenze in die Vergangenheit. Waren wir bisher der mitteleuropäischen Zeit einen halben Tag voraus, so hinken wir jetzt sechs Stunden hinterher.

Hostel Rio Amazonas

Unsere Körper ignorieren allerdings die menschlichen Zeitfestsetzungen. Wir steigen hundemüde aus dem Flugzeug. Ein vorbestellter Shuttle-Bus bringt uns in die Stadt. Das dauert recht lange, denn auch hier verstopfen die vielen Privatautos die Straßen, obwohl Santiago ein gut ausgebautes U-Bahn und Busnetz besitzt. Am frühen Nachmittag kommen wir im “Hostal Rio Amazonas” an, das für die nächsten drei Nächte unser Quartier sein wird. Das “Rio Amazonas” liegt am Rande der Innenstadt, etwa 20 Minuten Fußweg von der “Plaza de Armas” entfernt, dem zentralen Platz in Santiago. Unsere Pension war früher das Wohnhaus des chilenischen Geographen Luis Risopatrón, den ich auch erst aufgrund dieses Umstandes auf Wikipedia kennenlernen durfte. Das denkmalgeschützte Gebäude mit seinen Holzfußböden und Stuckdecken, einem Café und zahlreichen Gemälden an der Wand gefällt uns, auch wenn unser Zimmer recht schlicht eingerichtet ist. Das Personal ist sympathisch und spricht englisch. Obwohl direkt an einer Hauptstraße gelegen, hört man den Verkehr kaum. So gute Fenster möchte ich zu Auseinander in unserem Neubau haben!

Der Jetlag sorgt dar, dass es uns statt in die Stadt erstmal ins Bett zieht. Nur der Hunger treibt uns am Abend nochmal raus. Wir sind nicht wählerisch und landen in einer Sandwicheria. Diese einfachen Verköstigungsstätten bieten neben dem Namen gebenden Produkt auch Pizza, Empanadas und andere schlichte Sattmacher. Dennoch gestaltet sich der Bestellvorgang etwas schwierig, denn der freundliche, kleine Herr, der uns bedient, spricht genauso gut Englisch wie wir Spanisch. An Verständigungsprobleme werden wir uns in Südamerika gewöhnen müssen, obwohl dies die Region ist, die von allen unseren Reisezielen kulturell Europa am nächsten steht (Australien und Neuseeland sehe ich näher an den USA).

Am nächsten Morgen freuen wir uns über ein für chilenische Verhältnisse üppiges Frühstück einschließlich frisch gepresstem Kiwi-Saft. Und wir bekommen denn Tipp, eine Stadtführung zu Fuß mitzumachen, die ein junges Unternehmen anbietet. Zunächst einmal starten wir unsere eigenes Sightseeing-Programm. Ziel ist die “Plaza de Armas”, und dann wollen wir noch mit der Standseilbahn hoch auf den Berg San Christobal mit seiner überlebensgroßen Marienstatue. Einen wunderbaren Blick über die Stadt soll man von oben haben. Rund 5,4 Millionen Einwohner hat die Stadt, wobei verwaltungstechnisch gesehen Santiago nur das Zentrum und das Regierungsviertel umfasst. Die anderen Teile der Stadt sind selbständige Gemeinden.

Viel Polizei

Es ist sonnig, die Temperaturen angenehm, endlich mal keine schwüle Hitze. Santiago präsentiert sich als lebhafte Metropole, in der es geordnet zugeht. An den zahlreichen Ampeln steht man bei rot und geht bei grün. Die Zebrastreifen sind anders als in südostasiatischen Städten nicht nur zur Unterstützung der Farbenindustrie da. Zahlreiche Fußgängerzonen durchziehen die Innenstadt. Kurz: Wir können uns recht entspannt durch die City bewegen. Es begegnen uns Bettler und Geschäftsleute im Anzug und alles, was man sozial dazwischen einordnet. Recht viele Polizisten sind zu sehen, die alle kugelsichere Westen tragen. Die hohe Polizeipräsenz mag allerdings auch damit zusammenhängen, dass der folgende Tag der 1. Mai ist. Die Polizisten verhalten sich genauso friedlich wie die zahlreichen Hunde, die durch die Stadt streunen oder sich auf den Gehsteigen die Sonne aufs Fell scheinen lassen. Die Stadt gehört fast nur den Einheimischen, nur wenige Touristen fallen uns auf.

Wir gehen eine der Hauptstraßen entlang, die Avenida O’Higgins und kommen an der Iglesia San Francisco vorbei. Die 1586 bis 1628 errichtete Kirche ist das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt. Drin entdecke ich einen breiten Riss im Mauerwerk. Ein Hinweis darauf, warum viele alte Gebäude nicht mehr stehen: In Santiago und Chile bebt häufig und stark die Erde.

Die Paseo Ahumada, eine der großen Fußgängerzonen, führt auf den zentralen Plaza de Armas. Alle zehn Meter steht ein runder Zeitungskiosk mit rotem Coca-Cola-Schriftzug am Dach. Die Verkäufer sind hinter den Bergen an Zeitschriften und Süßigkeiten kaum zu sehen. Dazwischen verrichten Schuhputzer ihr Handwerk. Würden sie fehlen, dann könnte man sich auf der Mönkebergstraße in Hamburg wähnen oder auf der Stuttgarter Königsstraße.

Leider eine Baustelle

Die Plaza de Armas, die der Reiseführer als das unbestrittene Herz der Stadt beschreibt, mutet mit seinen Palmen dagegen schon südeuropäisch an. Leider, leider wird der Platz gerade umgestaltet. Der Platz ist eine Baustelle. Ein undurchsichtiger schwarzer Bretterzaun umschließt das grüne Innere. Schade auch für die historischen Bauwerke ringsum, die dadurch um einen großen Teil ihrer architektonischen Wirkung gebracht werden. Die “Catedral Metropolitana de Santiago” aus dem Jahr 1745 ist zudem selbst eingerüstet. Wir gehen weiter zur Markthalle, einer sehenswerten Eisenkonstruktion. Zwar gibt es drin noch ein paar Händler, die frischen Fisch anbieten, hauptsächlich nutzen aber Restaurants das historische Ambiente und deren Besitzer versuchen uns wortreich von ihrer Kochkunst zu überzeugen. Ein kleiner Herr spricht uns in perfektem Deutsch an und erzählt uns, dass er Deutschland gut kenne und vor wenigen Wochen noch an den Landungsbrücken gesessen habe. Und wenn wir essen wollten, sein Lokal sei gut und günstig …

Uns steht allerdings der Sinn eher nach einer Empanada auf die Faust, denn wir wollen weiter zum Cerro San Cristóbal. Zum Berg müssen wir aber ein gutes Stück gehen, zuletzt durch das beliebte Viertel Bellavista mit zahlreichen Läden und Kneipen. Es ist schon früher Nachmittag, und um 15 Uhr beginnt der geführte Stadtrundgang. Wir verschieben den Berg auf den nächsten Tag.

Tour4Tips

Kurz vor 15 Uhr stehen wir vor dem Museum für Schöne Künste, wo die der Rundgang beginnen soll. Das Museum hätten wir übrigens heute kostenlos besuchen können, zweimal in der Woche ist der Eintritt in den städtischen Museen frei. Deutsche Stadtkämmerer werden verhindern, dass diese Idee bei uns Schule macht. “Tours4Tips” heißt das Unternehmen, das den uns so empfohlenen Stadtrundgang anbietet. Eine pfiffige Idee der jungen Leute, die Touren nicht zu einem festen Preis anzubieten, sondern gegen eine “freiwillige” Spende. Das eröffnet sicher weite steuerliche Spielräume. Antonia, eine schlanke Mittzwanzigerin in schwarzen Jeans und rot-weiß gestreiftem Hemd, sagt uns eingangs in makellosem Englisch, dass sie sich eine “Spende” zwischen 5.000 und 10.000 Pesos (6,50 bis 13 Euro) für die dreistündige Tour wünscht. Kein Muss, kann aber auch gerne mehr sein. Um es vorweg zu nehmen: Wir spendeten 10.000, denn wir fanden die Tour gut. Sie war kein Ablaufen von Sehenswürdigkeiten, sondern gab auch Einblicke in die chilenische Gesellschaft.

Allende vs. Pinochet

Das Fassadengemälde, zu dem wir zuerst gehen, zeigt symbolhaft Zustände und Probleme des Landes. Ein unbeschriebenes Buch steht für die ungleichen Bildungschancen in einem Land, in dem nur Wohlhabende ihre Kinder auf die Universität schicken können. Am Präsidentenpalast erzählt Antonia ausführlich die Geschichte des Putsches von 1973. Noch heute sei das Land in zwei Lager geteilt. Neben den Verehrern Salvator Allendes trauerten auch viele Pinochet nach, der in ihren Augen die “Kubaniserung” Chiles verhindert und das Land wirtschaftlich wieder aufgerichtet habe. Immerhin: Chile ist nach der Militärdiktatur zur Demokratie zurückgekehrt, ein Denkmal Allendes steht heute vor dem Präsidentenpalast. Ich erinnere mich, wie wichtig in meiner Jugend die Solidarität mit Chile in linken Kreisen war, nach Vietnam ein wichtiger Bezugspunkt der Empörung und linken Selbstvergewisserung. Das sehr viel blutigere Terrorregime des Steinzeit-Kommunisten Pol Pot in Kambodscha wenige Jahre später übersah die westliche Linke dagegen geflissentlich. Aber ich drohe wieder mal abzuschweifen.

Café mit Beinen

Antonia hat auch Geschichten auf Lager, die man eher lustig nehmen kann. In einer der zahlreichen Passagen der City führt sie uns zu einem “Café mit Beinen”. Die Geschichte dazu geht so: Chile ist ursprünglich ein Land der Teetrinker und Teetrinkerinnen. Um den Kaffeekonsum in Chile anzukurbeln, kam man auf die Idee, Cafés einzurichten, in denen junge Mädchen mit sehr kurzen Röcken und dementsprechend langen Beinen das anregende Getränk servieren. Viele Männer in den Geschäftsvierteln Santiagos genießen seitdem die doppelte Erregung und ließen den Kaffeeabsatz steigen. Die “Cafés mit Beinen” gibt es, so Antonia, in verschiedenen Abstufungen: von harmlos (nur Kaffeetrinken) bis ehegefährdend (Kaffeetrinken ist nur das Vorspiel). Nimmt man die “Cafés mit Beinen” weniger humorig, so sind sie auch ein Hinweis darauf, wie sehr Chile eine Macho-Gesellschaft ist.

Ein großer, schwarzer Straßenhund trottet eine ganze Weile neben unserer Gruppe her. Unsere Führerin Antonia erzählt, dass die Hunde von den Einwohnern der Stadt geliebt und im Winter von ihnen versorgt werden. Die Hunde seien völlig friedlich und würden sich sicher durch den Verkehr bewegen. Springt die Ampel auf grün, bewegt sich Hund mit dem Strom der Menschen. Manche würden auch Buslinien benutzen und wüssten genau, an welcher Haltestelle sie aussteigen müssten. Ich glaube inzwischen, Hunderziehung ist für die Katz!

Liebe im Park

Wir erreichen den Cerro Santa Lucía, einen Hügel am Rande der Innenstadt, auf dem einst die Stadt gegründet worden. Heute ist er ein Park, der nicht zuletzt bei jungen Paaren beliebt ist. Wir sollten uns nicht an den vielen jungen Leuten stören, die man innig umschlungen im städtischen Grün beobachten könne, sagt Antonia. Junge Leute müssten in Chile aus finanziellen Gründen lange bei den Eltern leben. Und die seien meist stockkonservativ. Freundin mitbringen und aufs Zimmer gehen ist nicht. Deshalb blieben nur die mehr oder weniger verstecken Plätzchen draußen, um sich sich seelisch und körperlich auszutauschen. Sagt die junge Antonia und muss es wissen.

“Stockkonservativ” kann man übrigens mit “stockkatholisch” gleichsetzen. Gegen Ende der Tour kommen wir vor den Sitz von “Opus Dei”. Laut Antonia haben die Hardcore-Katholiken sehr großen Einfluss in Chile, seien eng verbandelt mit den führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Ehescheidung sei in Chile erst seit 2007 erlaubt, an die “Homoehe” nicht zu denken.

Nach drei Stunden tun uns die Füße weh, aber wir haben viel erfahren über Chile. Und obwohl uns Antonia viele Tipps gegeben hat, wo man gut essen kann, landen Helga und Dieter am Abend wieder in einer Sandwicheria.

Tag der Arbeit

Am 1. Mai wollen wir die Besteigung des Cerro San Cristóbal nachholen. Als wir morgens aus dem Fenster blicken, zeigt sich der Himmel trüb. Und als wir uns zur Talstation der Standseilbahn bewegen, fängt es zu tröpfeln an. Wir lassen uns dennoch von der alten Bahn nach oben ziehen. Der Berg ist ein beliebtes Ausflugsziel, und heute am Maifeiertag sind viele Einwohner in schickem Renn- und Mountainbikes hochgesrampelt. Die Sicht ist allerdings des Wetters wegen mau. Wir gehen noch zur 22 Meter hohen Marienstatue hinauf, brechen aber einen Spaziergang den Hügel entlang rasch ab. Macht keinen Spaß bei dem Wetter.

Was tut der Tourist bei Regen? Richtig, er geht ins Museum. Und wenn alle Museen geschlossen sind wegen des “Kampftags der Arbeiterklasse”, zu der auch Museumsangestellte gehören, auch wenn sie an dem Tag lieber mit dem Rad den Berg erklimmen als auf die Barrikaden zu steigen? Man geht zurück ins Hotel und denkt über zu lange und verunglückte Sätze nach. Dieter unternimmt am Nachmittag zwar noch einen Gang in die Viertel, die das Hotel umgeben, aber eigentlich ist der Tag gelaufen.

Am Abend führt uns die Nahrungssuche noch in ein Lokal im Viertel Bellavista. Die Kost ist so rustikal wie die Einrichtung. Bemerkenswert sind außerdem die drei Fernseher, die in der Gaststätte laufen. Zwei Mattscheiben zeigen tonlos und unisono einen Boxkampf. Aus der Flimmerkiste in der Mitte dröhnen Musikvideos, denn der Fernseher ist mit der wattstarken Tonanlage des Lokals verbunden. Pink Floyd im Supersound – da kommt’s aufs Essen gar nicht mehr groß an.

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