Samaipata, Bolivien: Ein Hauch von Machu Picchu

Das Städtchen am Fuß der Cordillera Oriental hat selbst nicht viel zu bieten. Wenige Kilometer entfernt erhebt sich jedoch “El Fuerte”, eine geheimnisvolle Festung aus der Vor-Inka-Zeit. Und vor der Tür liegt auch der Nationalpark Amboro, der drei Ökosysteme einschließt.

Der Bus nach Samaipata soll am Mittwoch (4. Juni) um 16 Uhr abfahren. Als wir um halbvier am Busbahnhof von Sucre eintreffen, stellt sich heraus, dass wir mit einer anderen Gesellschaft fahren müssen. Es geht wohl erst um fünf los. Am Busbahnhof von Sucre merkt man doch den Unterschied zu den Verhältnissen in Argentinien. Sind dort die Terminals ziemlich modern, so rottet der der Busbahnhof Sucres schon etwas vor sich hin. Und manche Busgesellschaften arbeiten noch ohne PC. Hier werden die Bustickets auf klapprigen Schreibmaschinen ausgestellt. Und auch den Bussen sieht man die schlechten Straßen Boliviens an.

Schotterstraße

Unser Bus sieht noch einigermaßen Vertrauen erweckend aus, was unser ungutes Gefühl angesichts der bevorstehenden Nachtfahrt etwas mildert. Die Straße ist auch zunächst noch asphaltiert, und wir tuckern im Abendlicht gemächlich durch die Berglandschaft. Als das Tageslicht der Dunkelheit weicht, ist es auch mit dem Asphalt zu Ende. Fortan windet sich der Bus auf Schotter bergauf und bergab. Wohlgemerkt: Wir sind nicht unterwegs in den hintersten Winkel Boliviens. Sondern wir befahren die Strecke zwischen Sucre, der Hauptstadt, und Santa Crux, der größten Stadt des Landes! Nur ein geringer Teil des Straßennetzes in Bolivien sind asphaltiert. Die mangelhafte Infrastruktur ist eines der größten Probleme für die Entwicklung des Landes.

Vielleicht ist es gut, dass es dunkel ist. So bekommen wir weniger mit, wie nah der Bus manchmal der Kante der Schlucht kommt. Nur die gelegentlichen Ausweichmanöver im Schritttempo zeigen, wie eng die Straße ist. Hin und wieder ist in einem Dorf ein Seil über die Straße gespannt. Der Bus hält dann einige Minuten bis die Dörfler das Seil senken. Die Bolivianer gehen wohl ihrem Hobby nach, Straßen zu sperren. Ob für das Freimachen der Strecke Bolivianos fließen, bekommen wir nicht mit. Allmählich rumpeln wir uns in den Halbschlaf.

Zwischen drei und vier Uhr morgens schrecken wir hoch, denn der Fahrer ruft “Samaipata, Samaipata”. Etwas benommen greifen wir unser Handgepäck, stolpern aus dem Bus und ziehen unsere großen Rucksäcke aus dem Laderaum. Die Rücklichter des Busses verschwinden und wir stehen etwas verdutzt auf einer menschenleeren Straße von Samaipata. Zum Glück nicht ganz allein. Denn der Bus hat auch Will ausgespuckt. Den hünenhaften Australier mit langen Dreadlocks haben wir schon am Busbahnhof von Sucre kurz kennengelernt. Will hat das selbe Hotel gebucht wie wir, das “La Possada del Sol”. Nur wo ist das? Zum Glück entdecken wir einen Stadtplan am Straßenrand, der uns grob die Richtung weist.

Rausklingeln

Will, vielleicht 25 Jahre alt, zeigt auch in den frühen Morgenstunden ein sonniges Gemüt und ist zuhause in Melbourne Manager eines Supermarkts. Locker, die Australier, bei uns sehen Supermarkt-Manager anders aus. Und locker wie Will ist, traut er sich auch ohne zu zögern, die Klingel am Hotel zu betätigen. Die Angestellte reibt sich den Schlaf aus den Augen, empfängt uns aber sehr freundlich. Unsere Zimmer sind noch belegt. Wir werden mit einigen Decken ausgestattet und können uns neben der Rezeption auf Sessel und Sofa ausstrecken. Um acht setzten wir uns zum Frühstück in die Morgensonne, und um zehn beziehen wir unser Zimmer.

Das “Posada del Sol” gefällt uns. Wir haben ein recht geräumiges Zimmer, können uns draußen auf die Terrasse setzen und auf den hübschen Garten blicken. Zum Hotel gehört außerdem ein beliebtes Restaurant. Die Luft ist mild, denn Samaipata liegt auf mäßigen 1.650 Metern Höhe. Was will man mehr? Wir gönnen uns nach der anstrengenden und weitgehend schlaflosen Nacht erstmal etwas Ruhe.

Che Guevara

Am Nachmittag schauen wir uns das Stadt an. Was die Lage inmitten waldreicher Hügel angeht, könnte man Samaipata auf den ersten Blick für ein Städtchen im Schwarzwald halten. Die Kreisstadt mit 5.000 Einwohnern zeigt sich ziemlich verschlafen mit zum Glück wenig Autoverkehr. Etliche Touranbieter liegen an der staubigen Hauptstraße, ein paar Restaurants am zentralen Platz. Ein Schild weist auf die deutsche Partnerstadt hin: Saalfeld an der Saale. Der Geldautomat der einzigen Bank mag leider weder unsere Kredit- noch EC-Karte. Wir müssen zu einer Büro von Western Union, um an Geld zu kommen. Ärgerlich, weil die fünf Prozent Gebühr auf die Auszahlungssumme nehmen.

Auf der Straße begegnen wir Will, der inzwischen ein paar junge Damen um sich geschart hat. Ob wir nicht mitkommen möchten, fragt er. Er wolle morgen auf eine Tour auf den Spuren gehen von … er zögert, weil ihm der Name nicht einfällt … Sche Gusaro oder so ähnlich. Wir erklären ihm, dass es sich wohl um Che Guevara handelt, wir aber zu der Generation gehören, die die Phase der Heldenverehrung per Poster oder durch Touren auf den Spuren schon hinter sich hat. In Samaipata soll Che auch mal gewesen sein, und fast jede Agentur bietet Touren an zu Ches Aufenthaltsorten in Bolivien.

Wir wollen morgen auch eine Tour unternehmen, allerdings zum Nationalpark Amboró. Wir folgen einer Empfehlung des Reiseführers und gehen zu “Michael Blendinger Tours”, ein Anbieter, der sich auf naturkundliche Exkursionen spezialisiert hat. Die freundliche Frau dort, die neben Englisch auch ein paar Worte Deutsch spricht (was wohl ihrem deutschstämmigen Arbeitgeber geschuldet ist), bietet uns eine eintägige Trekking-Tour für den nächsten Tag an. Ich weise auf meinem verletzten Arm hin, den ich nur eingeschränkt benutzen kann. “Kein Problem”, sagt sie, “außer deinen Füßen brauchst Du nichts”. Der Tourbeginn ist uns auch ganz sympathisch: Erst um 9:30 Uhr müssen wir am Tourbüro sein.

Nationalpark Amboró

Nach einem kräftigen Frühstück im Hotel stehen wir am nächsten Morgen pünktlich auf der Matte. Außer uns haben sich noch vier Leute angemeldet. Ein junges Paar aus Spanien und eins aus Frankreich. Die Franzosen, klein, äußerst drahtig, Mitte 30, sind mit dem Tandem (!) in Südamerika unterwegs. Um die Fitness der beiden müssen wir uns wohl keine Sorgen machen. Mit dem Geländewagen geht es dann auf schlechten Wegen ständig bergan. Unterwegs picken wir unseren Führer auf. Vicente, Vollbart, unterm Hut versteckte lange Haare, kommt aus Kolumbien und lebt seit sechs Jahren in Samaipata. Seine Sozialkompetenz als Führer ist nicht allzu ausgeprägt. So versäumt er es zum Beispiel, eine Vorstellungsrunde der Teilnehmer zu initiieren. Das machen wir wir dann aus eigenem Antrieb.

Ein Indiopaar, das Kleinkind an der Seite, kassiert das Eintrittsgeld für den Park. Nirgends ist zu erkennen, wo der heschützte Bereich beginnt. Der Nationalpark Amboró ist 4.425 Quadratkilometer groß und liegt zwischen 300 und 3.300 Meter hoch. Dementsprechend umfasst er verschiedene Vegetationszonen von trocken-andin bis zum Regenwald des Amazonasbeckens. Wir bewegen uns in der Zone der Yungas, für die Bergnebelwald mit Riesenfarnen typisch ist.

Dann geht’s zu Fuß weiter. Das Wetter ist bei weitem nicht mehr so sonnig wie in Samaipata, sondern Wolkenschleier ziehen die Hänge hoch. Das Klima ist hier feucht, der Waldboden recht matschig. Bei mir kommen erste Befürchtungen auf, ob ich hier wirklich nur meine Beine brauche zum Weiterkommen. Vier Stunden soll unsere Wanderung dauern, zunächst mäßig bergauf bis zu einem Wasserfall, dann recht steil aufwärts bis über 2.500 Meter Höhe.

Farnwald

Vicente erklärt uns die Flora, vor allem die verschiedenen Farnarten. Die Gegend gilt als einer der größten Farnwälder der Erde. Die urzeitlichen Pflanzen wachsen hier mehr als zehn Meter in die Höhe. Bei einem Wachstum von einem Zentimeter pro Jahr sind die großen Exemplare also über tausend Jahre alt. Dafür sehen sie wirklich noch sehr frisch aus. Im Park gibt es wohl auch viele Orchideenarten, aber das ist wohl jetzt nicht richtige Zeit oder die wachsen in tieferen Lagen. Schade ist, dass wir so gut wie keine Tiere zu Gesicht bekommen. Ein paar große Schmetterlinge und aus der Ferne ein paar Kapuzineraffen ist alles, was der Amboró uns zeigen will. Dabei soll es hier über 800 Vogelarten und 127 Sägetierarten geben, darunter Puma und Brillenbär. Nun ja, ein Puma auf dem Weg muss ja auch nicht sein.

Der Weg macht uns auch ohne Raubtier zu schaffen. Er ist matschig und glitschig, überall Steine und Wurzeln. Und Bäche, die man auf Steinen balancierend überqueren muss. Theoretisch kommt man hier schon ohne Hilfe der Arme voran, praktisch muss man sich aber ständig an einem Ast festhalten oder einen Fels umklammern. Ich habe zwar meine Hartplastik-Schiene im Hotel gelassen, darf aber meinen rechten Arm nicht allzu sehr belasten. Die beiden Tandem-Franzosen erweisen sich als echte Wander-Kameraden und reichen Helga und mir an mancher besonders kniffligen Stelle ihre helfenden Hände. Dennoch wächst meine Angst, dass ich irgendwann doch hinfalle und mir den Arm endgültig ruiniere. Besonders schlimm wird es hinter dem Wasserfall, denn nun folgen wir dem Bachlauf steil bergauf. Und das strengt ungemein an, was der Konzentration abträglich ist. So haut es mich auf diesem Abschnitt dreimal auf den Boden. Zum Glück falle ich jedesmal weich und auf die richtige Seite. Endlich wird es flacher, und wir können an einer kleinen Lichtung Picknick machen.

Etwas weiter oben lichtet sich der Dschungel und wir treten auf Grasland, das mit Felsen durchsetzt ist. Hier treibt der starke Wind die Wolkenschwaden, die uns immer mal wieder einhüllen. Oben auf dem Gipfel weht es uns fast fort. Obwohl wir nicht in die Ferne schauen schauen können, genießen wir unser Gipfelglück mit Wolkentheater. Von nun an geht’s bergab und zwar recht sanft. Nach gut einer Stunde durch den Nebelwald sind wir wieder am Ausgangspunkt, wo der Wagen auf uns wartet. Helga und ich sind etwas enttäuscht, weil wir endlich mal Wildtiere sehen wollten. Und ich muss einsehen, dass ich ganz schön leichtsinnig war. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass eine Wanderung durch den peruanischen Nebelwald kein Spaziergang im Hamburger Stadtpark ist.

El Fuerte

Am nächsten Tag erkunden die kulturelle Seite von Samaipata, nämlich “El Fuerte”. Am zentralen Platz nehmen wir ein Taxi. Der Taxifahrer hat seine kleine Tochter dabei, vielleicht vier Jahre alt. Wie so ziemlich alle Autofahrer in Argentinien und Bolivien betrachtet er den Sicherheitsgurt lediglich als lästiges Gebaumel, das keinen Sinn hat. Seine Tochter turnt unangeschnallt auf dem Beifahrersitz. Warum anschnallen, wenn eine Jesusfigur am Innenspiegel hängt!?

Zwölf Kilometer sind es bis zur Festung. Davon die letzten auf einer unbefestigten, teilweise ziemlich steilen Piste. Einmal muss man einen flachen Fluss durchqueren. Das Taxi hat keinen Vierradantrieb, sondern ist ein ganz normaler Toyota Irgendwas. Deutsche Taxifahrer würden eine solche Strecke nicht fahren. 90 Minuten will der Fahrer und seine etwas bedrückt wirkende Tochter auf uns warten.

Fuerte de Samaipata gilt neben Machu Pichu als eine der bedeutendsten Stätten der Inkas. Seit 1998 ist sie Weltkulturerbe. Es wurden allerdings Überreste einer Siedlung gefunden, die auf 1.500 vor unserer Zeitrechnung datiert werden, also lange vor der Inka-Herrschaft. Die Bezeichnung “Fuerte”, also Festung, erhielt das Bauwerk von den Spaniern. Ihnen erschien die auf einem Felsen in fast 2.000 Meter Höhe thronende Anlage wohl wie eine Verteidigungsanlage. Heute halten sie die meisten Forscher für eine Zeremonialstätte der Inkas. Diese Deutung legen die Tierdarstellungen und Linien nahe, die auf einem rund 200 Meter langen und 40 Meter breiten Felsen eingemeißelt sind. Mein Jugendfreund von Däniken hielt den Felsen wohl für eine Startrampe der Raumschiffe der Außerirdischen. Unter dem mächtigen Felsen liegen die Grundmauern einer Siedlung, deren älteste Teile in die Zeit vor den Incas zurückreichen. Rätsel gibt nach wie vor ein fast kreisrundes Loch etwas abseits der Siedlungsreste auf. Mache halten es für den Eingang eines Fluchtschachtes. Wir spüren einen Hauch von Machu Picchu.

Die Anlage “El Fuerte” ist touristisch sehr gut erschlossen, wenn man von der Zufahrt absieht. Wir gehen auf hochgelegten Plankenwegen an den Ruinen vorbei, und immer wieder sorgen Aussichtsplattformen für Überblick. Da wir nicht in Argentinien sind, sind die Erklärungen auf den Tafeln auch auf Englisch. “El Fuerte” ist ziemlich weitläufig. Zum Schluss müssen wir uns beeilen, um rechtzeitig zum Taxi zurückzukommen.

Trotz der etwas enttäuschenden Dschungeltour bereuen wir den Abstecher nach Samaipata nicht. Nun aber müssen wir zusehen, dass wir Richtung La Paz kommen. Ein Weg mit Hindernissen, wie sich zeigen wird.

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2 Kommentare zu “Samaipata, Bolivien: Ein Hauch von Machu Picchu”

  1. Eugen sagt:

    wie immer spannend, lehrreich und schön, der Bericht nebst Bebilderung – und diesmal gar mit Spannungsbogen, was ist bloß auf dem Weg nach La Paz passiert??…

  2. Peter Schweer sagt:

    Na hoffentlich nicht La Guerra…

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