Salta, Argentinien: Das Kind im Eis

Nach der Ruhe in den Bergen ist wieder mal Großstadt angesagt. Salta gilt als “Muss” für Argentinien-Reisende wegen der zahlreichen Bauten aus der Kolonialzeit und der lebendigen Kulturszene.

Schon die Fahrt in die Provinzhauptstadt ist ein Erlebnis. Nach der kargen Hochgebirgslandschaft erreichen wir bei Cafayate wieder fruchtbare, grüne Landschaft mit Weinfeldern und Orangenbäumen, die die Straßen in den Orten säumen. Im beschaulichen Cafayate haben wir zwei Stunden Aufenthalt. An der schönen Plaza mit der fünfschiffigen Kathedrale aus der Kolonialzeit suchen wir uns wieder ein Lokal mit Lokro und anderen Regionalgerichten.

Und dann wird es landschaftlich ganz spektakulär. Der Bus durchquert nach Cafayate die Quebrada de las Conchas, eine wilde 80 Kilometer lange Schlucht. Die Felswände leuchten in verschiedenen Farbtönen von ziegelrot über Ocker bis fast schwarz und erstaunen durch ihre bizarren Formen, darüber das tiefe Blau des Himmels. An zwei engen Seitenschluchten stehen zahlreiche Fahrzeuge, sie scheinen ein begehrtes Touristenziel zu sein. Schade, dass wir nur mit dem Bus die Region durchfahren. Ich versuche durch die Scheiben ein paar Fotos zu machen.

Salta

Je näher wir Salta kommen, umso grüner und lieblicher wird die Landschaft. Die Berge rücken in den Hintergrund. Die Provinzhauptstadt mit gut 500.000 Einwohnern erreichen wir am späten Montagnachmittag (19. Mai). Wir steigen im Hotel El Alcazar ab, das unweit der Plaza de 9 Julio gelegen ist, des zentralen Platzes. Beim ersten Bummel durch die Stadt am frühen Abend sind wir allerdings etwas genervt. Das liegt wieder mal am lauten, stinkenden Autoverkehr, der sich in langen Schlangen durch die engen Straßen quält. Zwar gibt es zwei Fußgängerzonen, aber ansonsten ist man als Fußgänger auf schmale Gehsteige verdrängt. Sich mit einem Kinderwagen oder mit einem Rollstuhl durch die Stadt zu bewegen, ist völlig unmöglich. Entspanntes Bummeln ebenso. Im 16. Jahrhundert, als die Stadt angelegt worden ist, haben die wenig weitsichtigen Stadtväter skandalöserweise nicht an Autofahrer gedacht. Im Ernst: Die historische Innenstadt System müsste konsequent für den privaten Autoverkehr gesperrt werden. Das wäre eine Wohltat für Bewohner, Geschäfte und Touristen.

Auch Salta hat einen Hausberg, auf den man mit einer Seilbahn hochfahren kann, den Cerro San Bernardo. Das tun wir am Dienstag. Berg- und Talstation sind sehenswert mit ihren riesigen roten Rädern, die sich in einem Jugendstil-Gebäude mit bunten Fenstern drehen. Auf dem Gipfel hat man einen hübschen, kleinen Park angelegt mit Wasserspielen. Leider ist der die Sicht, als wir oben sind, nicht allzu gut. Sonst könnten wir Salta vor der Bergkulisse sehen.

Wieder unten kommen wir an der Kirche San Francisco vorbei, die 1625 gegründet wurde, in ihrer heutigen Form seit 1870 existiert. Neben der Kathedrale ist sie der zweite große Kirchenbau in Salta. Die ocker-rot-weiße Fassade ist leider teilweise eingerüstet, der Turm, der sich in Stufen nach oben verschlankt, strahlt jedoch im Sonnenlicht. Innen ist das schmale Kirchenschiff ebenso üppig verziert und beherbergt den Niño Jesús de Aracoeli, eine gekrönte Jesusfigur, die offenbar von den Gläubigen heftig verehrt wird.

Schon fast etwas kitschig wirkt die Kathedrale an der Plaza 9 de Julio. Die Fassade der 1876 eingeweihten Kirche ist rosafarben und erstrahlt abends im Licht vieler Scheinwerfer. Macht schon was her, wenn man so davonsteht. Drinnen entfaltet die Kathedrale neobarocke Pracht mit viel Gold. In der Ruhmeshalle liegt unter anderem Miguel del Güemes, einem Helden des Freiheitskampfes gegen die Spanier, der aus Salta stammt.

MAAM

Am meisten beeindruckt hat uns allerdings das MAAM. Die Abkürzung steht für das “Museo de Arqueologia de Alta Montana”, also etwa Museum für die Archäologie des Hochgebirges. Das Museum präsentiert eine informative Ausstellung über die Inka-Kultur, und das auch mit englischsprachigen Erläuterungen. So selten, wie gut. Attraktivstes Exponat ist die mumifizierte Leiche eines der drei Kinderopfer der Incas, die 1999 auf dem Vulkan Llullaillaco (6.739Meter) gefunden wurden. Die Fundstelle auf dem Berg ist die höchstgelegenste archäologische Ausgrabungsstätte der Welt. Alle sechs Monate wird ein anderes der drei Kinder gezeigt, bei unserem Besuch war es ein etwa sechs altes Mädchen, das zusammengesunken in einen roten Poncho gehüllt ist. Eis und Kälte haben die Leichen der Kinder und ihre Kleidung mehr als 500 Jahre konserviert. Auch die Grabbeigaben, kleine Figuren aus Silber, Gold und Onyx sind perfekt erhalten. Die Kinderopfer im Museum zu zeigen, war umstritten. Manche wollten sie oben auf dem Berg lassen. Da die Fundstelle aber bekannt war, war das nicht möglich.

Die Incas opferten von Zeit zu Zeit Kinder hochgestellter Familien, um die Götter zu erfreuen. Opferstätten waren Gipfel der Anden, die als heilig galten. In der Sicht der Incas waren die Kinder nicht wirklich tot, sondern mit den Vorfahren vereint, die von den Bergen herab über das Volk wachten. Ich fühle mich an Abraham erinnert, der laut Altem Testament bereit war, seinen Sohn Isaac zu opfern, um Jahwe zu gefallen. So grausam kann Religion sein!

Am Abend melden sich Mariana und Michael, die wir im Valle de la Luna kennengelernt haben. Sie sind ebenfalls grade in Salta und würden sich am Mittwoch gerne mit uns treffen. Dummerweise hat Dieter für Mittwoch schon eine Exkursion nach Cachi gebucht. Helga will dagegen in Salta bleiben.

Nach Cachi

Am Mittwoch (21. Mai) startet Dieter in aller Frühe zu seinem Ausflug nach Cachi, während Helga sich nochmal auf die andere Seite dreht. Cachi soll ein nettes, kleines Städtchen sein, das man über eine spektakuläre Passstraße erreicht, die durch den Nationalpark Los Cardones führt. Diese Beschreibung hat Dieter gelockt. Bisher sind wir ja stets einer ganz kleinen Gruppe auf Tour gegangen, in der wir die ältesten waren. Dieter wird dagegen von einem Kleinbus abgeholt, in dem etwa 15 Menschen sitzen, die schon vor Jahren die Rentengrenze überschritten haben. Auch die anderen Busse, die nach Cachi unterwegs sind, befördern überwiegend ältere Semester. Da muss ich mit meiner Jugendlichkeit mächtig auffallen, die noch durch die mittlerweile langen Haare unterstrichen wird.

Der Busfahrer ist gleichzeitig der Reiseleiter und redet fast pausenlos während er lenkt und Gas gibt. Ab und zu scheint er einen Scherz gemacht zu haben, was am Gelächter der argentinischen Senioren zu erkennen ist. Dieter sitzt auf der hinteren Bank im Eck und betrachtet die Landschaft. Zunächst ist das Tal, das wir befahren, noch üppig grün, der Boden wird landwirtschaftlich genutzt. Dann wird die Straße steiler und die Landschaft karg. Wir durchqueren den Nationalpark Los Cardones, der seinen Namen von den Kandelaber-Kakteen hat, die hier zahlreich stehen. Sie sind übrigens in den baumlosen Hochlagen ein wichtiger Holzlieferant zum Beispiel für Türen und Fensterrahmen. Die schmale Schotterstraßen windet sich in schier endlosen Kehren hinauf bis zum höchsten Punkt Piedra del Molino auf 3.348 Meter Höhe, wo eine Kapelle ein gutes Fotomotiv abgibt. Noch attraktiver für die Kamera ist ein Reiter, der in einem leuchtend roten Poncho und breitem Hut durch die verdorrte Steppe zieht. Ein Gaucho wie aus dem Bilderbuch!

Die nun wieder asphaltierte Straße führt durch eine Hochebene mit zahlreichen Kakteen, hinter der sich vielfarbige Bergzüge erheben. Nach ein paar Kilometern wieder ein spektakulärer Blick: In der Ferne leuchten die schneebedeckten Gipfel der Andenkette über die wüstenhafte Ebene.

Dann erreichen wir Cachi. Zwei Stunden Aufenthalt. In dem Städtchen gibt es nicht viel zu sehen, sieht man von der hübschen Kirche San José aus dem Jahr 1796 ab. Der Beichtstuhl und das Deckengewölbe sind aus Kakteenholz. In Cachi fällt der deutliche indigene Einschlag der Menschen auf, einige Frauen tragen noch die traditionellen Röcke und Hüte der Indios. Wir sind gespannt auf Bolivien und Peru, die den höchsten Anteil indigener Bevölkerung in Südamerika aufweisen.

Am späten Nachmittag ist Dieter zurück in Salta. Helga hat sich tagsüber mit Mariana und Michael getroffen. Beide haben in etwa die gleiche Route vor wie wir. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege noch einmal. Außerdem hat Helga Fahrkarten besorgt für unser nächstes Ziel Ticara in der Quebrada de Humahuaca.

Und was ist mit dem “Tren a las Nubes”, dem “Zug in die Wolken”? Argentiniens berühmtester Zug startet in Salta. Spektakulärster Teil ist die Überquerung eines Viadukts, das in 4.220 Meter Höhe einen Canyon überspannt. Wir haben uns den Zug schweren Herzens verkniffen. Denn er verkehrt zur Zeit nur samstags, so hätten wir unseren Aufenthalt in Salta um einige Tage verlängern müssen. Außerdem: Die Touristenattraktion ist ganz schön teuer, und anstrengend soll die ganztägige Fahrt auch sein. Man kann nicht alles haben.

Und was ist mit der Fußball-WM? Die Argentinier sind fußballbegeistert, keine Frage. Überall läuft im Fernsehen ein Fußballspiel. Von der WM der Firma FIFA bekommt man hier allerdings nichts mit. Keine Fähnchen, nirgends.

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Ein Kommentar zu “Salta, Argentinien: Das Kind im Eis”

  1. Rohn sagt:

    Hallo Helga und Dieter,
    seid ihr schon in Tilcara? Erfreut euch an den Cerro de los siete Colores. Unbedingt in Humahuaca einen Stopp einlegen. An der Plaza Gomez ist der Cabildo – das frühere Rathaus – er ist berühmt für seinen Uhrenturm. Pünktlich 12 Uhr mittags und nachts öffnet sich im Uhrenturm eine Tür und die lebensgroße Figur des heiligen Francisco Solano tritt heraus, um seinen Segen zu spenden. Dass das Uhrwerk und auch die Mechanik aus Nürnberg kommen und zusammen 1.800 kg wiegen war für uns sehr interessant.
    Alles Liebe und Gute weiterhin,
    Volker und karin
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