On the Road: Von Port Fairy bis zu den Snowy Mountains

Kein Meer mehr in nächster Zeit. Unser Weg zurück nach Sydney soll landeinwärts verlaufen. Wenn wir das aushalten ohne Meer.

Am Dienstagmorgen (4. Februar) sagen wir dem angenehmen Küstenstädtchen Port Fairy Goodbye und fahren Richtung Nordosten. Das Wetter ist nun wieder recht sonnig, aber weiterhin kühl. Der Auftakt zu unserer Landpartie ist nicht grade aufregend, denn von Port Fairy landeinwärts präsentiert sich die Landschaft ziemlich eintönig. Sie ist durchgängig flach und leuchtet im Gelbbraun unendlich scheinender Weizenfelder. Australien ist nach den USA der zweitgrößte Weizenexporteur der Welt, haben wir im Reiseführer gelesen. Ab und zu mal eine Ranch, selten ein Städtchen mit hübschen Kirchen englischen Stils.

Hinter dem Städtchen Camperdown (gut, dass wir dort nicht gecampt haben) taucht das Blau einiger flacher Seen auf. Als wir aussteigen, um ein paar Fotos zu machen, riecht es draußen wie im Pissoir. Ist das der Dünger auf den Feldern? Oder kommen in der trockenen Gegend hier Salzseen vor, und der Geruch kommt vom Ammoniak? Die Übersalzung des Bodens und der Gewässer ist eins der ökologischen Probleme in Australien, Folge der intensiven Landwirtschaft und der Trockenheit. Im Lake Corangamite, der nicht weit entfernt liegt und Victorias größter natürlicher See ist, liegt der Salzgehalt inzwischen viermal höher als im Meer, schreibt Wikipedia.

Offenbar haben wir alle anderen Touristenautos an der Küste zurückgelassen. Die Juicys, Wicked und Apollo Camper – nirgends zu sehen. Auch kein Spaceship ist unterwegs hier, nur unseres. Auf teilweise ziemlich holprigen Straßen zudem, auf denen alle paar Kilometer eine Baustelle die Fahrt bremst.

Goldboom in Ballarat

Kurz nach Mittag erreichen wir Ballarat, wo wir eine längere Pause machen. Die Stadt mit rund 92.000 Einwohnern gehört zu den “Goldstädten”. In der Region zwischen Bendigo und Ballerat wurden Mitte des 19. Jahrhunderts große Vorkommen des Edelmetalls gefunden, was der Gegend für einige Jahrzehnte zu Reichtum verhalf. Ballarat war 1854 Schauplatz des Eureka-Aufstands, laut Reiseführer der einzige organisierte Aufstand gegen die britische Kolonialmacht in Australien. Goldgräber wehrten sich gegen Gebühren, die die Briten oft gewaltsam eintrieben. Der Aufstand endete blutig im Schusshagel von Soldaten, die Flagge der Rebellen wird aber bis heute als Symbol bei Protestkundgebungen getragen. Vielleicht hätten wir uns die Zeit nehmen sollen, “Sovereign Hill” zu besuchen, eine Nachbildung einer Goldgräbersiedlung von damals, die sich am Ortsrand von Ballarat befindet.

Breite, von Bäumen gesäumte Straßen und prächtige Gebäude im Zentrum sind Zeugnisse des Goldbooms von damals. Überhaupt: Auch in kleineren Landstädtchen stehen mancherorts überraschend viele historische Gebäude – von Neuseeland habe ich das weniger in Erinnerung. In Ballarat blicken wir auf das stattliche Rathaus, das mich mit seinem Turm samt Uhr an sein Hamburger Pendant erinnert. Das langgezogenen Gebäude der Fine Art Gallery, beherbergt die größte regionale Kunstmuseum Australiens. “Mininc Exchange” steht in goldener Schrift in einem Eingangsbogen eines weiteren alten Gebäudes – ich deute das als Ort des Goldhandels.

Dann geht es noch ein Stück weiter durch die Landschaft, die sich schon vor Ballarat wieder hügeliger und baumreicher darstellt. Bei Creswick haben wir einen einfachen Campingplatz auf dem Plan, der kostenlos genutzt werden kann. Wir haben etwas Mühe, ihn zu finden, denn er liegt einige Kilometer abseits der Straße mitten im Wald. Ein paar Picknicktische, eine Komposttoilette und drei andere Campervans, alle von Australiern – mehr ist hier nicht. Dafür entschädigt der Sternenhimmel, dessen Lichtlein an diesem dunklen Ort besonders funkeln.

Wie immer weckt uns am anderen das Geschrei der Vögel. “Gezwitscher” oder gar “Gesang” möchte ich die Laute australischer Vögel wirklich nicht nennen. Insbesondere die Kakadus tragen zur Kakaphonie bei. “Sang” so Lemmy Kilmister im Stimmbruch?

Pies in Daylesford

Wir verzichten aufs Frühstück im Wald, auch weil wir dort noch ziemlich frösteln. Einige Kilometer weiter in Daylesford, das ebenfalls mit einem imposanten Rathaus aufwartet, holen wir das Morgenmahl nach. Wir kehren in eines dieser Cafés ein, die uns so oft über den kleinen oder großen Hunger zwischendurch geholfen haben. Das im Daylesford wirkt besonders altbacken, und so ordern wir an der Theke zur Abwechslung mal Pies, jene fleischgefüllten Pasteten, die wohl zum englischen Erbe zählen. Diese traditionellen Snacks scheinen auf dem Rückzug zu sein, verdrängt von Burgern, Wraps und all dem, was die Einwanderer der letzten Jahrzehnte mitgebracht haben. Passt ja auch insofern, als es Bestrebungen in Australien gibt, das Mutterland aus der Fahne zu tilgen.

Über Kyneton und Seymour umfahren wir in weitem Bogen Melbourne. Wenn wir von Seymour auf dem Hume Highway weiterfahren würden, könnten wir morgen Abend in Sydney sein. Wir aber leisten uns Umwege und biegen bei Seymour ab. Wir wollen heute bis in die Nähe der “Victorian Alps” kommen. Die Berge dieser “Alpen” erreichen gut 1900 Meter Höhe und sind im Winter eins der wenigen Skigebiete Australiens, wobei oft die Schneekanone nachhelfen muss.

Aber noch bewegen wir uns in niedrigerem Gefilde. Eine hübsche Landschaft, einzelne Baumgruppen auf den grasbewachsenen Hügeln, Kühe stehen dicht beisammen, um sich gegenseitig Schatten zu spenden, die Szenerie könnte auch in Neuseeland sein. Immer wieder sehen wir die Hinweistafel “Winery” , doch wo verstecken die Aussies die Weinberge? Wir sehen keine Rebstöcke. Wir erreichen ein Städtchen mit dem hübschen Namen Alexandra, wo wir in einem Café der modernen Sorte einkehren. Zugegeben, nicht nur des Karottenkuchens und des grünen Tees wegen, sondern auch, weil wir “Free WiFi” an der Tür lesen. Wir Camper sind ja so dankbar für jedes Netz!

Lake Eildon

Noch ein paar Kilometer weiter, und wir sind in Eildon am gleichnamigen See. Hier zeigt sich jetzt am späten Nachmittag kaum mehr jemand auf der Straße. Aber der Ort hat einen riesigen Campingplatz, und es ist Zeit, das Quartier für die Nacht aufzuschlagen. Die Rezeption ist unbesetzt, und wir müssen den jungen Mann erst über die Sprechanlage ins Büro rufen. Wir könnten uns an jeden freien Platz stellen, der uns gefalle, sagt der vergleichsweise wortkarge Angestellte. Tja, und frei sind eigentlich alle Plätze, wir scheinen fast die einzigen Gäste zu sein. Ein paar Dauercamper in den festen Hütten mag es noch geben, aber in den Alimentaries, den Gemeinschaftsduschen und -toiletten, fehlt jede Gemeinschaft. So schnell wird es leer in Australien, wenn die Schulferien zu Ende sind und man sich abseits der Touristenrouten herumtreibt.

Der Lake Eildon ist schmal und verästelt sich weitläufig. Wie etliche Seen am Rande der Berge ist er nicht natürlichen Ursprungs, sondern ein Stausee. Eine Umspannanlage haben wir auf dem Weg hierher gesehen. Jetzt ist der See ins Abendlicht getaucht und setzt sein Blau, das nur wenig dunkler ist als das des Himmels, gegen das sonnenbestrahlte Grün der Wälder. Zwei schwarze Schwäne mit leuchtend roten Schnäbeln ziehen ihre Bahnen neben unauffälligen Enten. Einen entenähnlichen Vogel mit auffälligem Gefieder entdecke ich im Gras: Schnabel rot, Kopf schwarz, Vorderkörper tiefblau, Hinterkörper tiefschwarz. Das Gekeife der Kakadus begleitet uns in den Schlaf.

Etwas Sorgen macht uns, dass wir von den Backpackern im neuseeländischen Auckland nur absagen kassieren. Dass dort alles voll ist, kennen wir von früheren Aufenthalten nicht. Einer verrät uns dann den Grund: Rugdby-Meisterschaften. Nach vielen Anfragen, bekommen wir dann doch eins der letzten Zimmer.

Am Mittwochmorgen beschließen wir den See südlich zu umfahren, um dann wieder nach Norden, Richtung Mansfield, zu gelangen. Andersherum wäre vermutlich schneller gewesen, denn die Straße windet sich in unzähligen Kurven die Berge rauf und runter. Wir hatten uns einige schöne Ausblicke versprochen, aber nirgends gibt der Wald den Blick frei. Zwei Stunden quälen wir den Motor unseres Spaceships und begegnen nicht einem einzigen anderen Auto, keinem Ort, keinem bewohnten Haus. Wir sind froh, als wir endlich die Waldetappe hinter uns haben und unten an einem Seitenarm des Lake Eildon herauskommen. Nach Mansfield geht es dann flacher weiter. Der Ferienort ist wegen seiner Nähe zu den Skigebieten der Victorian Alps beliebt, für uns allerdings nur eine Zwischenstation. Wir wollen heute weiter bis Bright, dem Ferienzentrum im Nordosten Victorias. Auf der Great Alpine Road fahren wir vorbei fahren wir vorbei am Mount Buffalo Nationalpark, einem Granitplateau, dessen namensgebender Berg eine Höhe von über 1800 Metern erreicht. Wir kommen uns dennoch nicht vor wie im Hochgebirge, sondern eher wie im Südschwarzwald.

Ladenschluss in Bright

Bright zeigt sich am späten Nachmittag nicht gerade so, wie man es von einem belebten Ferienzentrum erwartet. Nur wenige Menschen sind auf der Straße, die Cafés haben ebenso geschlossen wie die Läden mit Ausnahme des Supermarkts. Am meisten Bedauern wir, dass auch die Eisdiele die Tür verriegelt hat. Denn seit gestern ist es wieder brütend heiß, 36 Grad lesen wir auf einer Digitalanzeige. Auf dem Campingplatz sind wir zwar nicht ganz allein, aber außer ein paar älteren Herrschaften in ihren geräumigen Wohnmobilen leistet uns auch hier niemand Gesellschaft. Wir merken, dass wir etwas an Kontaktmangel leiden in letzter Zeit.

Am Abend gehen wir nochmal in den Ort, auf dessen Gedenksäule mit der Aufschrift “Lest we forget” auch den hiesigen Gefallenen im Vietnamkrieg gedacht wird. Kurz zuvor habe ich im SPIEGEL gelesen, wie stolz die Australier bis heute auf ihr Eingreifen im 1. Weltkrieg (“Great War”) sind, das sich 2015 zum hundertsten Mal jährt. Unser Tag in Bright geht friedlich in einem netten Lokal zu Ende bei süßem Gingerbeer und Salat.

Am Freitag brechen wir auf von Bright und fahren auf Gebirgsstraßen weiter nach Mount Beauty. Der Ferienort ist aber weit weniger beauty als Bright und lohnt nicht einmal einen längeren Zwischenstopp. Unser Tagesziel ist heute, möglichst die Grenze zu New South Wales zu überschreiten. Wegen der Gebirgszüge wir nicht direkt nach Osten fahren, sondern müssen erstmal nach Norden. Am Lake Hume führt der Murray River Highway dann nach Corryong an der Grenze an der Grenze Victorias zum Nachbarstaat.

Lake Hume

Die Landschaft wechselt hier innerhalb weniger Kilometer ihren Charakter. Ist man in Mount Beauty noch im grünen, waldreichen Bergland, so liegt der Lake Hume, 50 Kilometer weiter im Norden, schon in einer trockenen und kargen Landschaft. Der Anblick des Stausees nahe Albury fasziniert uns. Das tiefe Blau des Sees kontrastiert scharf mit den braungelben Hügeln der Umgebung. Am Ufer stößt das Wasser auf rostbraune Erde. Aus dem See ragen abgestorbene Bäume, an denen sich die weißen Schaumkronen der Wellen brechen.

Wir beschließen spontan, uns hier einen kleinen Umweg zu gönnen. Zum Glück muss man den lang in den Norden gezogenen See nicht ganz umfahren, sondern kann etwa in Seemitte über eine Brücke auf die andere Seite gelangen. Zunächst stoßen wir an einem Rastplatz auf eine stillgelegte Eisenbahnlinie, die einst direkt am Ufer entlang führte. Zwei Wracks der Eisenbahnwagen brüten in der Hitze. Im Schatten eines Baumes machen wir Picknick. Ein unbekannter Künstler hat den Stamm mit den Utensilien eines Hauses verziert. So ist eine Türklinke angenagelt und über ein großes Loch im Stamm ein Fensterkreuz.

Über die stählerne Bethanga-Bridge, die nach dem nahe gelegenen Ort benannt ist, überqueren wir den See. An einem wie immer vorbildlich gestalteten Aussichtspunkt auf der anderen Seite des Sees informieren Tafeln über die Geschichte der Region und den Brückenbau. Auch hier wurde Ende des 19. Jahrhunderts Gold gefunden, dem Bethanga seine Entstehung und Blüte verdankt. Der Boom war nach einigen Jahrzehnten vorbei und Städtchen schrumpfte wieder. Die Bogenbrücke wurde zwischen 1927 und 1930 in Zusammenhang mit dem Anlegen des Stausees gebaut. Der Lake Hume ist Teil der Wasserwirtschaft des Murray-Rivers, der die Staaten New South Wales, Victoria und South Australia durchfließt. Auch das ist perfekt in Australien: Informationen sind allerorten genauso kostenlos zu haben wie die Klos.

Camping ohne Kängurus

Weil wir uns zusätzlich verfahren, kostet ums der Umweg um den Lake Hume zwei Stunden Zeit Gelohnt es sich trotzdem. Nun aber weiter Richtung Osten. Corryong ist die letzte Stadt in Victoria, die wir durchqueren. Khancoban gehört schon zu New South Wales. Helga begutachtet dort den Campingplatz, entscheidet sich aber dagegen. Nun aber geht es in stetem Auf und Ab in den Kosciuszko (lange gebraucht, um das Wort richtig zu schreiben) National Park. Hier liegt der gleichnamige Berg, mit 2229 Metern der höchste Australiens. Wo sind hier in den Snowy Mountains. Nichts als Berge und Wald umgibt uns, kaum ein Auto ist unterwegs.

Wir kommen an einfachen Picknick-/Campingplätzen vorbei. Beim ersten hätten wir reichlich Gesellschaft gehabt: Dutzende von Kängurus schauen aufmerksam in unsere Richtung. Ein anderer Camper ist allerdings nicht zu sehen, und Helga mag nicht ganz allein sein. Mit den Kängurus schon, aber wer weiß, wer sich im australischen Busch sonst noch rumtreibt. Eichhörnchen oder Schwerverbrecher vielleicht. Es ist schon fast dunkel als wir doch an einen Picknickplatz kommen, auf dem sich ein anderer Campervan für die Nacht hingestellt hat. Hier verbringen wir unsere erste Nacht zurück in New South Wales. Ein Überfall bleibt aus, nur der Wildbach rauscht.

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