On the Road: Von Eden bis Wilsons Prom

Eden ist die letzte Stadt, die zu New South Wales gehört, wenn man Richtung Südwesten fährt. Hinter der Stadt beginnt der Wald und hört lange, lange nicht auf.

Irgendwann fahren wir an einem Schild vorbei, das darauf hinweist, dass wir die Grenze zum Bundesstaat Victoria überfahren. Weiter Wald, gelegentlich mal eine Viehweide und eine Ranch, aber keine nennenswerte Siedlung. Der Princess Highway verläuft jetzt recht weit im Landesinneren. Allmählich vermissen wir die Ausblicke auf die wunderschönen Buchten und Strände. Die gibt es hier auch, aber wir müssten schon lange über Schotterpisten rumpeln, um ans Meer zu kommen.

Dann beim Dorf Genoa eine Abzweigung nach Mallacoota, zum einzigen Städtchen an der Küste. Die Sehnsucht nach Meer lässt uns abbiegen. Mallacoota besteht aus kaum mehr als einer Einkaufsstraße, ein paar Nebenstraßen und einem riesigen Campingplatz. Einmal mehr ist die Landschaft König. Ein Meeresarm reicht hier zwanzig Kilometer in die hügelige Waldlandschaft hinein. Wir spazieren zu einem Aussichtspunkt und den genießen in frischer Meeresluft den Blick. Frisch ist es in der Tat, obwohl es wieder recht sonnig geworden ist. Erstmals seit Beginn unserer Reise ziehen wir am Tag eine Jacke über.

In Orbost auf dem Örtchen

Zurück auf dem Princess Highway geht die schier endlose Fahrt durch Wald- und Weidelandschaft weiter. Zum ersten Mal suchen wir Unterhaltung durchs Autoradio. Ich könnte jetzt klassischen Rock vertragen, doch statt kerniger Gitarrenriffs kommt weichgespülter Country aus den Boxen. Nach knapp zwei Stunden öffnet sich die Landschaft. Wir erreichen Orbost, die erste Stadt in Victoria am Princess Highway. Eigentlich wollen wir hier eine Kaffeepause machen. Aber die Stadt kommt uns so verschlafen vor, und die zwei Cafés wirken so wenig einladend, dass wir es beim Besuch der öffentlichen Toilette des Städtchens belassen. Übrigens: Ebenso wie in Neuseeland, findet man in Australien in jedem noch so kleinen Nest eine gut ausgeschilderte öffentliche Bedürfnisanstalt. Die Infrastruktur ist eben in jeder Hinsicht hervorragend. Man suche stattdessen mal in einer deutschen Kommune ein Klo. Wenn man fündig werden sollte, dann ist es zu!

Das Ziel des heutigen Tages ist Buchan im Landesinneren. Denn dort wollen wir uns zwei Tropfsteinhöhlen ansehen, die laut Reiseführer “eindrucksvollsten Victorias”. Praktischerweise liegt am Eingang gleich ein Campingplatz. Das Besucherzentrum, das auch den Platz verwaltet ist schon zu, wir treffen aber einen Ranger, der uns einen Platz zuweist. Bezahlen sollen wir dann morgen. In der offenen Küche des Campingplatzes kommen wir mit einer jungen Familie aus Melbourne ins Gespräch, die schon zweimal in Hamburg war. Ein Freund von ihm arbeitet am Bernhard-Nocht-Institut. Das eine Mal haben sie Silvester in Hamburg miterlebt, und er erzählt bis leichtem Schaudern, die Leute würden dort ja Feuerwerkskörper auf die Straße werfen! Nein, so gefährlich geht es in Melbourne nicht zu, obwohl das offizielle Feuerwerk vermutlich prächtiger ausfällt als das Hamburger.

Australian English

Da sich die beiden Mühe geben, verstehen wir größtenteils, was sie sagen. Wenn Australier in Unkenntnis, dass wir Ausländer sind, mit uns reden, verstehen wir mit unserem gepflegten Oxford-English ;-) oft kaum ein Wort. So ergeht es mir am Morgen beim Duschen als ein Australier eine schnelle Satz-Sequenz an mich ran redet, von der ich rein gar nichts verstehe. Als ich ihn entschuldigend darauf hinweise, ich sei Deutscher, wiederholt er langsam und so deutlich, wie es ihm möglich ist. Er wollte nur sagen, dass heute ein schöner, sonniger Tag ist – typisch australischer Smalltalk, der hier mehr als bei uns zur kommunikativen Konvention gehört, und selbst zwischen Kassiererin und Kunde im Supermarkt gepflegt wird.

Gleich nachdem um neun das Besucherzentrum geöffnet hat, bezahlen wir unsere Campsite und erstehen zwei Karten für eine Höhlenführung um Halbzehn. Unsere Führung geht durch die Royal Cave, die zweite geöffnete Höhle ist die Fairy Cave. Die Buchan Caves sind viel kleiner und enger als die Tropfsteinhöhle, die wir in der Ha Long Bucht in Vietnam gesehen haben, und es fehlen ihnen die riesigen Hallen sowie die kitschig-bunte Beleuchtung. Dafür bekommen wir hier von einem bärtigen Ranger ausführliche Informationen über die Entstehung von Höhlen und von Stalagmiten und Stalaktiten.

Schon 1913 sind die Höhlen für Besucherinnen und Besucher zugänglich gemacht worden, aber alle Wege und Anlagen sehen aus wie neu. Hier wird eben alles prima in Schuss gehalten und wenn nötig sofort erneuert. Das gilt auch für die gesamten Anlagen drumherum, für das Besucherzentrum, den angeschlossenen Campingplatz, die Informationstafeln und die zahlreichen Wanderwege, die Tal und Höhen des Buchan Rivers erschließen. Ob Stadt, ob Land – so wie hier ist es überall, die Infrastruktur scheint nahezu perfekt. Vermüllungsgrad? Null. Obwohl (oder grade weil?) keine Abfallkörbe aufgestellt sind. Die Leute tragen ihren Müll zu zentral gelegenen Tonnen.

Kein Multikulti?

Wir gehen auf einem der perfekt angelegten und ausgeschilderten Wanderwege zu einem kleinen Wasserfall und dann in weitem Rund wieder zurück zum Besucherzentrum. Dort ist mittlerweile schon sehr viel los. Heute, am 26. Januar, ist “Australian Day”, der Nationalfeiertag, den viele Familien offenbar zu einem Ausflug nutzen, zumal die Sonne vom wolkenlosen Himmel scheint. An wenigen Autos sind australische Fähnchen angebracht, häufiger sehen wir T-Shirts mit der Landesflagge. Derlei nationale Symbole tragen Australier asiatischer oder indischer Abstammung übrigens genauso wie die Alteingesessenen europäischer Herkunft. Überhaupt: Wenn man die dunkelhäutigen Menschen nebenan auf dem Campingplatz oder die Asiaten in der Schlange für die Höhlenbesichtigung anschaut – die Migranten in Australien scheinen sich schnell an den hiesigen Way of Life anzupassen. Insofern erscheint das klassische Einwanderungsland Australien weit weniger multikulturell als Deutschland, das sich grade erst eingesteht, irgendwie doch ein Einwanderungsland zu sein.

Es ist schon Mittag als wir weiterfahren. Zurück zum Princess Highway, der jetzt durch stark landwirtschaftlich genutztes Gebiet führt. Hauptsächlich sind es Viehweiden, die wir sehen, nicht saftig grün, sondern eher braun-gelb; Regen fällt hier im Sommer nur wenig. Gippsland nennt sich die Region. Wir kommen durch Landstädtchen wie Barnsdale und Sale, wo wir wieder Richtung Meer abbiegen. Wir fahren auf einer fast kerzengeraden Landstraße durch flaches Land. Die “Ninety Mile Beach” ist unser Ziel. Da der ausgesuchte Campingplatz voll ist, müssen wir auf einen der ganz einfachen Kategorie ausweichen, “Golden Beach” heißt dieser Strandanschnitt. Dort gibt es nicht nur keine Dusche, sondern auch keine Toilette. Der Begriff “Bush-Camping” erfährt hier eine Bedeutungserweiterung ;-). Bezahlen müssen wir nichts, das versöhnt mit den fehlenden Einrichtungen.

Der in der Tat ellenlange Sandstrand ist nur durch ein Kiefernwäldchen getrennt; wir fühlen uns ein bisschen an Sylt erinnert. Da die Temperaturen trotz strahlendem Sonnenschein auch eher an syltisch sind und ein frischer Wind weht, lassen wir den Sprung ins Wasser und ziehen einen Strandspaziergang vor. Kaum was los, ein paar badende Kinder, herumtollende Hunde und der unvermeidliche Angler auf seinem Klappstuhl. Tausende Muschelschalen verschiedener Formen und Farben hat die Brandung angespült. Wir verziehen uns noch etwas früher als sonst auf die Matratze.

Der Ring ist weg

Ohne zu frühstücken brechen wir früh am nächsten Morgen vom Campingplatz am “Golden Beach” auf. Wir möchten uns einen netten Rastplatz mit Tisch und Bank suchen, wo wir unser Müsli löffeln können. Nach wenigen Kilometern schreit Helga auf: “Der Ring ist weg!” Gemeint ist ihr goldener Ehering, der jetzt mutmaßlich im Sand oder Buschwerk am “Golden Beach” ruht. Schnell zurück dorthin, wo unser Spaceship stand. Das junge Paar vom Zelt nebenan hilft beim Suchen, und Helga glaubt fest ans Wiederfinden. Und tatsächlich, die Frau hält nach bangen Minuten ein gülden glänzendes Stück Metall mit hohem Symbolwert zwischen Fingern. Helga ist happy!

Weit sind wir nicht mehr von Melbourne entfernt. Bevor wir uns aber wieder ins Großstadtleben stürzen, wollen wir uns noch ein Stück großartige Natur gönnen. Zumal jetzt auch Temperaturen das Niveau erreichen, das wir von Australien im Sommer erwarten. Südöstlich von Sydney liegt der “Wilsons Promotory National Park”, kurz “Wilsons Prom.” genannt. Das ist eine Halbinsel, ein Überrest einer Landbrücke, die einst Australien und das heutige Tasmanien verband. Der Loose und der Lonely Planet schwärmen unisono von einem Bergland mit Eukalyptuswäldern und Granitfelsen, in das herrliche Buchten und Sandstrände eingebettet sind. Ein Land zum Wandern und Baden gleichermaßen. Keine Frage, dieser Abstecher muss sein.

Kohle statt Wind

Auf dem Weg dorthin zwischen Yarram und Foster sehen wir auf einem Hügel Windräder, das erste und bisher einzige Mal auf unserer Australien-Reise. Im Staat Victoria wird laut Reiseführer 85 Prozent des Energiebedarfs aus Braunkohle gedeckt. Das sorgt nicht nur für hohe CO2-Emissionen, sondern in den Fördergebieten für gesundheitsschädliche Belastungen durch Feinstaub. Noch immer subventioniert die Regierung den Braunkohle-Abbau und setzt auf die Abscheidung und unterirdische Lagerung von Kohlendioxid. Wenn ich bisher die guten Seiten von Australien herausgestellt habe – hier geht ein dicker Punkt an Deutschland mit seiner, wenn auch zähen und unvollkommenen Energiewende.

Zurück zu Wilsons Prom. Diesmal haben die Reiseführer nicht zuviel versprochen. Schon der Weg nach Tidal River – das ist keine Ortschaft, sondern ein Campingplatz mit Café und Laden sowie einem Informationszentrum – ist wunderschön. Eine eher karge, felsige Landschaft mit strahlend blauen Buchten, die auch am Mittelmeer sein könnte. Kein Wunder, dass 400.000 Besucher im Jahr hierher kommen und die Campingplätze zur Hochsaison schon Monate zuvor ausgebucht sind. Wir haben Glück und ergattern noch einen Platz in Tidal River, die Ferienzeit geht zu Ende. Wieder ein super ausgestattetes Informationszentrum, wo wir uns ausgiebig mit hervorragend gestaltetem Infomaterial über den Nationalpark eindecken können. Der Wald erholt sich zur Zeit wieder, nachdem 2009 ein großer Teil bei einem Brand vernichtet wurde.

Sonnenuntergang am Traumstrand

Die Bucht ist ein Traum. Bestimmt gut einen Kilometer biegt sich der hundert Meter breite, ganz sanft ins Meer abfallende feinkörnige Sandstrand. Dahinter teils felsige, teils dicht bewachsene Küstenlandschaft mit kleinen vorgelagerten Inseln. Am Abend erleben wir auf einer hölzernen Aussichtsplattform erstmals in Australien einen Sonnenuntergang am Meer, denn die Küstenlinie verläuft in südwestlicher Richtung. Fantastisch! Mit uns fotografiert ein Ehepaar mittleren Alters samt fast erwachsenem Sohn den Feuerball, der langsam am Horizont verschwindet und Licht spendet für den besten Fotokitsch. Sie wohnen in Melbourne und kommen schon seit dreizehn Jahren in jedem Januar hierher, erzählen sie. Die Frau hat vor einigen Jahren Deutschland bereist und war dabei auch in Hamburg. Ich scheue mich nachzufragen, wie sie die Hansestadt fand, und von sich aus ringt sich die Frau aus Melbourne nicht mal ein höfliches “very nice city” ab. Schon eigenartig, dass ich mittlerweile insgeheim davon ausgehe, dass Australier, schon gar nicht aus Melbourne, die “schönste Stadt der Welt” (Hamburger Eigenwerbung und typisch hanseatisches Understatement) gar nicht als so schön in Erinnerung haben können.

Am Dienstagmorgen umfängt uns heiße Luft schon beim Aufstehen. 37 Grad Höchsttemperatur lesen wir kurze Zeit später am Wetteraushang. Dennoch: Wir wollen heute wandern. Das haben wir ja auf unserer bisherigen Reise viel zu wenig getan. In Südostasien wäre Wandern kaum anders als im Rahmen einer organisierten Tour möglich gewesen. Dieter würde am liebsten auf den höchsten Berg rauf, der von der Bucht aufsteigt. Das ist der Mount Oberon, 557 Meter überm Meer. Die Mitarbeiterin der Information rät uns aber angesichts der Temperaturen eher zu einem weniger anstrengenden Weg. Ok, als leicht bis moderat ist der Weg zur gleichnamigen Bucht beschrieben, wunderbare Aussichten auf die Küste und die Inseln gegenüber eingeschlossen.

Wir sind noch nicht weit gegangen, als der andere Teil der Familie deutlich zu erkennen gibt, dass er es viel zu heiß zum Wandern findet. Helga kehrt um. Dieter geht weiter und wird mit schönsten Ausblicken auf Berge und Meer belohnt. Besonders anstrengend ist das Gehen zudem nicht, denn es gibt keine längeren Steigungen, ein Lüftchen weht und immer wieder spenden knorrige Eukalyptusbäume Schatten.

Hähnchen für die Möwen

Dieter kehrt kurz nach Mittag zurück, und Helga will trotz der Grillhitze unsere Grillpfanne von Aldi zubereiten. Im Schweiße ihres Angesichts brät sie auf dem BBQ-Ofen des Picnic-Platzes fast eine Stunde lang Hähnchenschenkel, Zucchini, Möhren und Kartoffeln, verfeinert mit Rosmarinzweigen und Zitronenscheiben. Wäre bestimmt lecker gewesen. Dieter trägt das fertige Mittagsmahl an den 20 Meter entfernten Holztisch und geht noch mal kurz zur Herdstelle zurück. Das reicht einer Schar Möwen, sich auf das Mahl zu stürzen und es binnen Sekunden gierig zu zerpflücken. Hühnerbeine liegen im Sand, Tomatenstücke kleben auf der Tischplatte. Für uns gibt es griechischen Salat und Pommes im Schnellrestaurant des Parkzentrums.

Es ist wirklich zu heiß für alles. Wir bedauern, dass wir keine Campingstühle gekauft haben, auf die wir uns im Schatten setzen könnten. Wir gehen schwimmen, aber am schattenlosen Strand sollte man trotz Lichtschutzfaktor 50 nicht lange bleiben. Wir beobachten die rot- und grünbunten Papageien, die hier in größer Zahl herumhüpfen und ihre Scheu fast verloren haben.

Das Sternenzelt ist aufgespannt, die Milchstraße zieht ihre Spur, wir träumen in unserem Spaceship. Morgen am Mittwoch wollen wir möglichst bis Melbourne kommen.

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2 Kommentare zu “On the Road: Von Eden bis Wilsons Prom”

  1. Carl-Ronald Rasmussen sagt:

    Wieder einmal grandios der Bericht und die Bilder. Ich glaube, ich würde Tage nur mit Muschelsammeln verbringen :-) . Viel Spaß, Freude und tolle Erlebnisse weiterhin. Ronald

  2. Renate sagt:

    Liebe Helga, lieber Dieter, ich lese alle Eure Berichte gern. Die Fülle des Beschriebenen ist immer sehr erschlagend, so dass ich nicht so recht weiß, was Euch noch antworten soll. Diesmal aber kann ich Helga ganz und gar verstehen. Pico hatte vor Jahren im Kampf mit Schnee und Eis auch den Ehering verloren. Die Freude war groß, dass die Mitarbeiter von der Tanke sehr aufmerksam waren und ihn fanden und uns nach Tagen Bescheid gaben.
    Ich wünsche weiterhin gute Reise und Wohlbefinden.
    Es grüßt
    Renate

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