On the Great Ocean Road

Nach Melbourne erwartet uns wieder großes Landschafts-Kino. Die Great Ocean Road gilt als eine der eindrucksvollsten Küstenstraßen Australiens. Mal sehen, ob es für einen Oscar reicht.

Am Freitagmorgen (31. Januar) verlassen wir Melbourne Richtung Südwesten. Helga hat wieder den richtigen Riecher, um auf schnellem Wege aus der Stadt zu kommen, ohne die mautpflichtigen Straßen benutzen zu müssen. (Beim Einfahren auf diese wird der Wagen fotografiert, und man muss binnen drei Tagen die Gebühr online überweisen.)

Die Landschaft bis Geelong, der zweitgrößten Stadt Victorias, ist unspektakulär. Deshalb können wir ohne Stopp auf dem Princess Highway brettern. Dahinter beginnt mit dem Städtchen Torquay dann die Great Ocean Road, 1919 bis 1932 gebaut, zunächst als Maßnahme der Arbeitsbeschaffung für heimgekehrte Soldaten des 1. Weltkriegs. Heute eine der Touristenstraßen Australiens und in jedem Bildband über das Land vertreten.

Das Wetter an unserem ersten Tag auf der Great Ocean Road ist nicht optimal. Es regnet zwar nicht, aber es ist mal sonnig, mal bewölkt, immer aber recht diesig. Kein Verhältnisse für erstklassige Landschaftsfotos. Zwischen Anglesea und Lorne ist die Straße in die bewaldeten Berge gehauen, die hier steil ins Meer abfallen. Dieser Abschnitt ist Surferrevier, denn besondere Windverhältnisse sorgen dafür, dass der Pazifik hier mit außergewöhnlich hohen Wellen ans Land schlägt.

Split Point Lighthouse

Beim Split Point Lighthouse hinter Anglesea machen wir den ersten Halt. Der 34 Meter hohe Leuchtturm wurde 1891 erbaut und ist noch immer in Betrieb. Von einer Aussichtsplattform genießen wir einen ersten vollen Blick auf die eindrucksvolle Küstenlinie, an der die Brandung beständig nagt. Ein freistehender Felsturm, nicht weit entfernt, zeugt davon, dass das Land hier Stück um Stück ans Meer abgeben muss. Auf einer Tafel lesen wir, dass die Küstenlinie vor ?? Jahren (weiß die Zahl nicht mehr) acht Kilometer weiter draußen verlief.

Das sehr touristische Lorne nutzen wir lediglich für einen Besuch einer Foodworks-Filiale, Aldi ist nirgends zu sehen. Die Road führt in stetem Auf und Ab dicht an der Küste vorbei, links das Meer, rechts die Berge, die mit Regenwald der gemäßigten Zone bedeckt sind. Wir sind hier im “Great Otway Nationalpark”, der sich bis weit ins Hinterland erstreckt. Wälder, Wasserfälle, wilde mit Baumfarnen bewachsene Schluchten, durchzogen von zahlreichen Wanderwegen, soll es hier geben. Wir sind wie die meisten auf die spektakuläre Küste fixiert und biegen deshalb nicht ab. Schade, dann beim nächsten Australien-Urlaub … ;-).

An einer Flussmündung fällt uns das Hinweisschild auf den “Cumberland River Holiday Park” ins Auge. Eine besonders schöne Lage zwischen Meer und Bergen, sagen wir uns, und schlagen hier unser Nachtquartier auf. Der schmale Fluss ist eingerahmt von senkrechten Felswänden und hat an seiner Mündung eine kleine Bucht mit Sandstrand geformt. Dieter geht die Schlucht entlang noch ein Stück landeinwärts bis zu einem kleinen Wasserfall. Darunter hat sich ein Pool gebildet, und in den Felsen, die vom Wasser überspült werden, sind fast kreisrunde Löcher zu sehen. Sie wirken wie eingestanzt. Wie macht das Wasser das, frage ich mich.

Apollo Bay

Nach unserem üblichen Müsli mit Grüntee und Instant-Kaffee fahren wir am Samstagmorgen weiter die Steilküste entlang. Vor Apollo Bay ziehen sich die Berge und der Wald etwas zurück und eine weite Bucht wird sichtbar. Und auch die Wolken weichen, zunächst zögernd, dann strahlt die Sonne fast von einer Minute zur anderen vom blauen Himmel. So lässt sich die Great Ocean Road ganz groß in Szene setzen, freut sich Dieter und nimmt die Kamera (Panasonic Lumix – gut angelegte 249 Euro bei Media Markt) aus der etwas zu kleinen Fototasche.

Im kleinen Ferienort Apollo Bay sehen wir einige Marktstände am Straßenrand und halten an. Der Markt hat einen “alternativen” Touch, mit selbst gemachter Marmelade, Seifen und Cremes aus natürlichen Rohstoffen, Ohrringen und anderem Schmuckzeugs. Dieter kauft an einem Stand mit Lederwaren fast einen Hut, der stark Richtung Cowboy geht. Weil der hippieeske Verkäufer (lange graue Haare, zu einem Zopf gebunden, um die sechzig, rotweiniges Gesicht) nur die Größen S und L da hat, die Dieter zu klein bzw. zu groß sind, unterbleibt dieser in modischer Hinsicht bedenkliche Kauf. Ich lebe ja schon lange mit der nicht immer einfachen Erkenntnis, dass mein Kopf Mittelmaß ist.

Koalas

Hinter Apollo Bay wendet sich die Great Ocean Road landeinwärts und führt durch den Otway-Nationalpark. Nach einigen Kilometern durch dichten Wald, nehmen wir eine Abzweigung nach links. Die kleine Straße führt wieder ans Meer, zum Leuchtturm am Cape Otway, dem ältesten Australiens. Unterwegs sehen wir plötzlich eine ganze Reihe Autos mitten in der Pampa am Wegesrand stehen. Der Grund wird schnell klar: Koalas. Einige der putzigen Tiere dösen auf den Astgabeln der Bäume. Wie man das vom Tierfilmen im Fernsehen kennt, gilt ihnen tagsüber jede Bewegung als unnötige Energieverschwendung. So ist es schon Fotografenglück, wenn einer den Kopf hebt und in die Linse blinzelt. Die meisten bieten sich nur als hellgraue, regungslose Fellknäuel den Kameras an.

Wenig später ist das Gelände des Leuchtturms erreicht. Wir zögern, ihn zu besichtigen. Denn das kostet knapp 20 Dollar Eintritt pro Person, und wir haben doch gestern erst einen besucht, und an der Nordsee gibt’s die Navigationshilfen für Schiffe ja auch recht zahlreich. Dennoch geben wir die zweimal 20 Dollar dem locker-freundlichen, dunkelhäutigen Mann an der Kasse. Die Aussicht auf die Aussicht vom Turm ist zu verlockend!

Ältester Leuchtturm

Wir merken schnell, dass das Eintrittsgeld nicht nur wegen des großartigen Küstenpanoramas angemessen ist. Denn wie oft in Australien wird dem Besucher viel geboten. Vor einem weiß getünchten Haus, in dem einst die Telegraphenstation untergebracht war, empfängt den Wissbegierigen ein wohlbeleibter Herr in historischer Uniform (rote Sakko, schwarzer Hut). Er erzählt mit schwarzem Humor, wie es zum Bau des Turms gekommen ist. Die Bass Strait, wie dieser Meeresteil zwischen australischem Festland und Tasmanien heißt, war nämlich im 19. Jahrhundert gefürchtet unter den Seefahrern, berichtet der Uniformierte. Zahlreiche Schiffe zerschellten bei starken Seegang an der felsigen Küste, deren Verlauf schwierig zu orten war. Bei einem Unglück kamen rund 200 Menschen ums Leben, die bis heute höchste Zahl in Friedenszeiten. Deshalb baute man Mitte des 19. Jahrhunderts den Leuchtturm, der weithin anzeigte, wo die gefährliche Spitze von Cape Otway in den Pazifik ragt. Soweit, so ungenau, denn ich schreibe das aus dem Gedächtnis, zum Faktencheck fehlt mir die grade die Zeit :-(.

Drin im Haus eine kleine Ausstellung über die Telegraphie in jener Zeit und eine weitere, die sich mit Fossilfunden in den Felsen beschäftigt. Ein junger Mann, der vermutlich mit Herzblut an der Ausstellung mitgearbeitet hat, versucht uns zu erklären, was die Fossilien über die Entwicklung der Kontinente vor Jahrmillionen aussagen. Uff, ganz schön schwierig, einem paläontologischen Vortrag in englischer Sprache zu folgen. Ich bluffe so gut es geht.

Neben der Telegrafenstation gehört auch das Wohnhaus des Leuchtturmwärters zum Gelände, in das wir kurz reinschauen, und eine einstige Kultstätte der Aborigines. Und dann natürlich der Leuchtturm selbst, den wir erklimmen, obwohl unten ein Schild darauf hinweist, dass ältere Menschen mit Herzproblemen vorsichtig sein sollten beim Treppensteigen. Der australische Staat ist nämlich auch perfekt fürsorglich, was die vielen makellosen Schilder zeigen, die vor etwas warnen, auf etwas hinweisen, etwas empfehlen oder in nettem Ton etwas verbieten. Kurz zuvor haben wir am Straßenrand ein Schild gesehen, das dringend empfiehlt, in Australien doch bitte links zu fahren. Könnten sie ja sonst vergessen, die Touristen, nicht wahr?

Aber ich schweife wieder mal ab. Der Höhepunkt ist natürlich der Leuchtturm selbst. Den Blick von dort oben auf die Küste zu beschreiben, dazu fehlen mir die Worte. Hier fehlen jetzt die Worte ;-).

Der freundliche Kassierer verkauft uns beim Verlassen noch ein Eis und erzählt uns, dass er vor 40 Jahren als einjähriges Baby von Indien nach Australien gekommen ist. “Go to the beach”, ruft er uns nach, “it’s too hot!”

Johanna Beach und Zwölf Apostel

Das haben wir eh vor, denn übernachten wollen wir auf dem Campingplatz am Johanna Beach. Strand und Bucht sind, das passt zum Vortrag von vorhin, nach einem Schiff benannt, das 1845 hier zu Bruch ging: Ein Mann rettet eine Frau mit letzter Kraft – Liebe? – vielleicht, sie sehen sich leider niemals wieder. Man braucht allerdings keine anrührende Geschichte, um Johanna Beach nicht zu vergessen. Dazu ist der Strand zu grandios. Gehört zu unseren Top drei, solange wir an Strände gehen. Schwimmen sollte man allerdings hier nicht versuchen. Fünf Meter hinein in die gewaltige Brandung, und es zieht dich für immer in Neptuns Reich.

Am Tag drei auf der Great Ocean Road wartet das touristische Highlight der Tour auf uns: die zwölf Apostel. Das sind einzeln im Meer stehende Felstürme, die die Brandung in Jahrtausenden aus dem Land herausgespült hat. Zwölf? Nein, es sind nur acht, die dicht beisammen stehen, eine neunte Felsnadel brach 2005 zusammen. Und warum Apostel? Muss jemand eingefallen ein, um die Felsformation besser vermarkten zu können – was dann auch wieder die zwölf erklärt. Wie auch immer, ein Fotomotiv erster Klasse sind die Apostel ohne Frage.

Nach den Aposteln wird die Küstenlandschaft flacher, der Schluss der großen Kinos Great Ocean Road, würdig für den Landschafts-Oscar. Als Abspann fahren wir noch ein Stück weiter nach Westen, über Warrnambool nach Port Fairy. Der kleine Küstenort ist hübsch, etliche Gebäude stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Wir beschließen, hier noch einen Ruhetag anzuhängen. Port Fairy ist der westlichste Ort unserer Australien-Tour. Ab Dienstag wollen wir zurück Richtung Sydney fahren.

Der Ruhetag (Montag, 3. Februar) ist kalt und windig. Die Temperaturen fahren in Australien Achterbahn. Am Sonntag 37 Grad, am Montag etwa die Hälfte. Helga hat Dieters Regenjacke überzogen als wir über Griffith Island wandern. Die Vogelinsel ist durch einen Damm mit Port Fairy verbunden. Landschaft und Wetter – wir fühlen uns wie auf Amrum im Herbst.

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3 Kommentare zu “On the Great Ocean Road”

  1. Eugen sagt:

    die Felslöcher – es erinnert mich un peu an die “Hühnergötter” von der Ostsee – nur in groß…

  2. Rebecca Schweizer sagt:

    Hallo ihr zwei,

    mit viel Interesse verfolge ich eure Reise. Euch geht es hoffentlich gut und ihr erlebt viel und genießt all die vielen Eindrücke. Von meiner Seite ganz viiiiel Neeeeeiiiiid :))

    Nun fühlt euch ganz herzlich gegrüßt

    Rebecca

  3. Andrea Schweizer sagt:

    Hallo Dieter und Helga,

    Vielen Dank für die guten Wünsche !!! Hoffe ihr seid bei guter Gesundheit.
    Viel Spaß bei euren Abenteuern :)

    Andrea

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