Neuseeland: Wanaka und die Westcoast

Die Catlins sind die südlichste Region Neuseelands – sieht man von Stewart Island ab. Uns bleiben nur noch wenige Tage, um wieder in den Norden zu kommen. Unterwegs treffen wir “Heintje”.

Am Freitag (21. März) verlassen wir unsere exklusive wie einsame Villa in den Catlins. Unser Weg nach Norden bis Auckland ist durchgeplant. Am 29. März müssen wir dort gen Fidschi abheben. Unsre erste Zwischenstation soll Wanaka sein am Rande der Neuseeländischen Alpen. Dann wollen wir uns noch zwei Tage an der Westcoast gönnen, bevor es wieder auf die Nordinsel geht.

An Invercargill vorbei fahren wir auf dem State Highway 6 Richtung Nordosten. Bald wir die Landschaft bergiger und nach etwa drei Stunden erreichen wir bei Kingston das Südende des Lake Wakatipu. Mit 80 Kilometer ist das von Gletschern geformte Gewässer der längste See Neuseelands. Die Seen am Ostrand der Alpen sind allesamt ein traumhafter Anblick. Dann noch etliche Kilometer am Ufer entlang und wir erreichen Queenstown, das Zentrum des Abenteuertourismus. In dem trubeligen Ort machen wir einen kurzen Zwischenstopp, denn wir brauchen eine neue Speicherkarte für die Kamera. Die erstehen wir dann viel zu teuer in einem Fotogeschäft, worüber sich Dieter noch stundenlang ärgert.

Wir nehmen die Nebenstrecke über die Berge nach Wanaka. Auf dem Parkplatz eines Aussichtspunktes, wo wir zum Fotografieren halten, hat sich ein junger Italiener aufgebaut. Vor der Heckklappe seines Autos bietet er Kaffee an und mit Nutella bestrichene Crêpes – gegen einen freiwilligen Obolus. Das finden wir sympathisch und greifen deshalb auch zu. Ebenso wie ein Paar aus Frankreich und ein Engländer. “Konferenz der vereinigten Staaten von Europa” scherzen wir.

Wanaka

50 Kilometer weiter strahlt uns das Blau von Lake Wanaka entgegen. Wenig später erreichen wir den gleichnamigen Ort, wo wir beim “Wanaka Bakpaka” einchecken. Abgesehen von seinem verballhornten Namen liegt der Backpacker wunderschön oberhalb des Sees, und wir haben diesmal sogar ein eigenes Badezimmer. In Wanaka geht es deutlich ruhiger zu als in Queenstown, obwohl man sich auch hier auf alle erdenklichen Arten die Nerven kitzeln lassen kann. Vor neun Jahren waren wir schon einmal hier, und Dieter flog seinerzeit 700 Meter über dem See – Paragliding. Das ist wahr, es gibt Beweisfotos!

Derlei jugendlichen Leichtsinn wollen wir diesmal nicht walten lassen. Altersgerecht gehen wir wandern am nächsten Tag. Die Wanderwege in der Region reichen vom leichten Spaziergang am See bis zu hochalpinen Klettertouren am Mount Aspering (3.033 Meter ü. NN). Der Rocky Mountain, wo wir rauf wollen, ist 775 Meter hoch, ein bisschen niedriger also. Immerhin sind fast 500 Höhenmeter zu überwinden, bei 24 Grad Lufttemperatur eine schweißtreibende Angelegenheit. Nach kurzem Aufstieg kommen wir am kleinen, idyllisch gelegenen Diamond Lake vorbei, steigen dann auf zu einem Aussichtspunkt, von dem man einen herrlichen Blick auf den Lake Wanaka hat. Besonders mühsam ist das letzte Stück zum Gipfel des Rocky Mountain, da es in der Tat etwas rocky ist. Oben angelangt entschädigt die Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel um den Mount Aspering für die vergossenen Schweißtropfen. Über eine alternative Route steigen wir ab und erreichen nach gut drei Stunden unseren Ausgangspunkt. Als Belohnung gibt es in Wanaka ein großes Eis, das wie immer die Eisdielen in Deutschland schätzen lehrt.

Zur Westcoast

Am Sonntag (23. März) haben wir eine besonders weite Wegstrecke vor uns. Unser Ziel ist Hector, ein Örtchen nördlich von Westport an der Westcoast. Bis dorthin sind es rund 500 Kilometer, Helgas Geburtstag findet also weitgehend auf der Straße statt. Dass wir auf der Strecke kaum Zeit für einen längeren Stopp haben, ist schade. Schließlich kommen wir beispielsweise an der landschaftlich besonders reizvollen Gletscherregion um den Fox und Franz Joseph Glacier vorbei. Wir trösten uns damit, dass wir ja schon beim ersten Mal Neuseeland dort eine Gletschertour unternommen haben. Zudem erweist sich das Wetter an der Westcoast wie so oft als komplett anders als östlich des Alpenkammes. In Wanaka strahlender Sonnenschein, in Haast, dem Eingangstor zur Westcoast leichter Nieselregen. Die Westcoast ist die Regenregion Neuseelands, was sich auch aufs Gemüt der Bewohner niederschlagen soll.

So brausen wir bei allmählich aufklarendem Wetter die Küstenstraße hoch, immer die Uhr im Blick, wir wollen wenigstens noch im Hellen ankommen. Ab und zu mal ein kurzer Halt zum Fotografieren. Die Strecke nördlich von Greymouth sind wir noch nie gefahren, ein besonders schöner Küstenabschnitt. Schließlich erreichen wir Westport, weiter nördlich gibts es nur einige wenige kleine Nester. In einem davon, Hector, liegt unsrer Backpacker. Mit David, dem Besitzer haben wir ausgemacht, dass wir ihn von Westport anrufen. Denn sein Haus ist das einzige Hostel, das man nicht direkt mit dem Auto anfahren kann. David, ein wettergegerbter Mann kaum jünger als wir, holt uns mit einem kleinen vierrädrigen Gefährt vom Parkplatz ab – die Bezeichnung für diese geländegängigen Einsitzer weiß ich nicht. Wir laden unser Gepäck auf und David knattert den schmalen Weg bergauf. Wir selbst müssen uns zu Fuß auf den Weg machen, etwa eine Viertelstunde geht es steil durch ein Waldstück bergauf. Etwa 100 Meter über dem Meer erreichen wir “The Old Slaughterhouse”, ein charmanter Name für ein Hostel.

The Old Slaughterhouse

Oben empfängt uns Andrea, die David als Gastgeberin zur Seite steht. Andrea ist Deutsche und arbeitet seit fünf Jahren als Webdesignerin in Christchurch. Dort sei sie in Arbeit versunken, erzählt sie, der Job im Backpacker sei eine willkommene Abwechslung zum Bildschirm. Wir merken schnell, was diesen Backpacker auszeichnet: Die beiden Gastgeber kümmern sich besonders intensiv um ihre Gäste, Andrea und David verbringen den ganzen Abend mit ihnen in Küche und Lounge. Wir lernen noch Paul kennen, einen jungen Mann aus der Nähe von Rostock, der ein Jahr “Working Holiday” in Neuseeland macht. Zum “Working” sei er allerdings noch nicht gekommen, gesteht er, dazu sei das Umherreisen im Land viel zu spannend. Paul trampt von Ort zu Ort, das gehe gut in Neuseeland, sagt er. Auch Maria, eine Holländerin, die immerhin schon gesetzte 56 ist, hält zum Weiterkommen den Daumen in den Wind. Das finden wir schon etwas erstaunlich. Aber das Hitchhiking scheint in Neuseeland eine Renaissance zu erleben. In Europa fast ausgestorben, sehen wir hier recht oft Tramper am Straßenrand.

Am nächsten Vormittag nehmen wir Paul mit dem Auto nach Denniston. Das ist ein verlassener Ort oben auf den Bergen, in dem einst Kohle gefördert worden ist. Noch heute gibt es etliche aktive Kohleminen an der Westcoast. Gemeinsam schauen wir Ausstellungstafeln an, die über die Geschichte des Bergbaus am Ort informieren. Die Zeche hier war wohl bis in die 60er Jahre rentabel.

Charming Creek Track

Paul will von hier zur Küste hinunter wandern. Wir haben uns eine andere Tour vorgenommen, die allerdings auch mit Kohle zu tun hat. Auf dem “Charming Creek Track” bei Hector wandert man den Schienen nach, auf denen einst kleine Waggons rollten, um das schwarze Gold von der Mine im Hinterland an die Küste zu bringen. Die Strecke führt eine wilde Schlucht hinauf, zweimal sind kurze Tunnel in den Fels gehauen und statt der ehemaligen Eisenbahnbrücke führt eine Hängebrücke über den Fluss. Am Rand des Weges tauchen immer mal wieder Überbleibsel des Bähnchens auf, etwa ein verrostetes Kesselhaus. Wir gehen nur einen Teil des Weges bis zu einem Wasserfall, wo wir unser Vesper verzehren. Helga ist stolz, dass sie sich getraut hat, über die schwankende Hängebrücke zu gehen. Die Mutprobe wiederholt sich auf dem Rückweg.

Country Music Museum

Zurück im Ort erinnern wir uns an ein Schild, das wir gestern schon beim Vorbeifahren gesehen haben. “Country Music Museum” steht darauf. Ein solches Museum einem abgelegenen Nest wie Hector? Wir fahren hin. Das “Museum” ist geöffnet, fünf Dollar Eintritt. Drin empfängt uns ein schon etwas zerzauster älterer Herr namens Barry Skinner. Ein Kauz, ein liebenswerter Spinner. Seit 50 Jahren sammelt Barry Fotos, Autogrammkarten, vor allem aber Schallplatten und CDs mit Country-Musik. Einige hunderttausend Titel lagern bei ihm, die er alle per Excel katalogisiert hat. Ikonen des Genres wie Johnny Cash sind dabei, aber auch Musiker aus Neuseeland, die der Rest der Welt nicht kennt. Barry spielt Dobro, hatte eine eigene Band und einige Jahre eine Country-Sendung im Lokalradio.

Als Barry hört, dass wir aus Deutschland kommen, erinnert er sich, auch ein paar Schallplatten mit deutschen Liedern zu haben. Er kommt mit vier Vinylscheiben zurück, deren Cover einen jungen Sänger zeigen, einen sehr jungen Sänger damals, der sich besonders vielen Müttern und Großmüttern ins Herz gesungen hat, so anno 1967. Mama, Heintje! Tatsächlich Heintje!! Wir sind baff. Bruce Low hätte ja noch sein können, aber was hat Heintje mit Country zu tun? Barrys Erklärung, wie er zu dem holländischen Kinderstar kam, habe ich sprachlich nicht verstanden, selten so ein ausgeprägtes Kiwi-Westcoast-Englisch gehört. Ich verspreche Barry, dass ich ihm nach meiner Rückkehr nach Deutschand ein paar Platten mit deutscher Country-Musik schicke. Mal sehen, was mir außer “Truck Stop” noch einfällt. Barry verabschiedet uns mit einer Demonstration seiner Kunst auf der Dobro. Leute gibt’s, die sollte es auch geben.

Am Dienstag machen wir uns dann auf nach Picton, eine Nacht dort und mit der Fähre wieder auf die Nordinsel. Unsere Neuseeland-Fahrt nähert sich dem Ende,

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Ein Kommentar zu “Neuseeland: Wanaka und die Westcoast”

  1. Rohn, Volker u. Karin-Sybille sagt:

    Hallo Helga und Dieter,
    danke für die wundervollen Berichte aus NZ. Wir wünschen Euch alles Glück der Welt für Eure weiteren Reisen und freuen uns auf die weiteren Erzählungen/Erlebnisse.
    Bei uns wird es langsam Frühling, wie lange wird er bleiben?
    Alles Liebe und Gute weiterhin, herzlichst
    Volker und Karin

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