Neuseeland: Nicht das pure Paradies

Seit Sonntag (16. März) sind wir wieder unterwegs. Gut zwei Wochen Familienleben bei Mary, Marcus, Felix und Lukas liegen hinter uns. Zwei Wochen, in denen wir in Gesprächen auch viel über die “Kiwis” und ihr Land erfahren haben.

Und darüber könnte ich jetzt viel schreiben, wenn ich Zeit und Muße dazu hätte. Einige Themen sind sogar journalistisch interessant. Allen voran das Homeschooling. Ich schreibe jetzt nur ein paar Sätze auf über Neuseeland außerhalb der Touristenperspektive:

Homeschooling: Neuseeland muss man seine Kinder nicht zur Schule schicken, sondern kann sie auch zu Hause unterrichten. Ein gut begründeter Antrag bei der Schulbehörde genügt, um die Sprösslinge dem staatlichen Schulsystem zu entziehen. Nicht wenige neuseeländische Familien praktizieren Homeschooling, auch Mary und Marcus. Aber auch Hardcore-Christen, die es in Neuseeland leider in großer Zahl gibt. “Die Erde wurde von Gott in sieben Tagen erschaffen” lernen die bedauernswerten Kinder bei denen. Und anderen Blödsinn.

Gesundheitssystem: Das ist ziemlich krank. Nur wenige Neuseeländer haben eine Krankenversicherung. Lange Wartezeiten auf Operationen sind die Regel. “Glück” hat, wer einen Unfall hatte. Dann springt nämlich die Unfallversicherung ein. Deshalb versuchen viele Neuseeländer, ein Leiden als durch einen Unfall verursacht darzustellen. Ein Hauptjob meiner Schwägerin Mary ist, Gutachten für die Unfallversicherung zu schreiben.

Kritik: Damit können die Kiwis gar nicht umgehen. Europäer, die ein offenes Wort gewohnt sind, sollten sich das abgewöhnen. Das gilt im Privaten wie auch im Beruf. Man versuche ja nicht, das Vorgehen eines Vorgesetzten in Zweifel zu ziehen. Der hat immer recht. Die Hierarchien sind festgefügt, auch wenn man seinen Chef mit Vornamen anredet. Marcus kann als Krankenpfleger ein Lied davon singen. Das Mitdenken im Job hat er sich mittlerweile abgewöhnt.

Nationalstolz: Der ist groß in Neuseeland. Alle Kriege, an denen das Land beteiligt war, waren heldenhaft und gut. Auch Vietnam. Der “Great War” (1. Weltkrieg) war identitätsstiftend für die “Kiwis”, 500 Kriegsdenkmale ehren die Getöteten. Läden und Firmen werben damit, dass sie “100 % New Zealand owned” sind. Der Hinweis, dass irgendetwas in einem anderen Land besser geregelt ist, führt bei Kiwis nicht selten zu Verstimmung.

Ausbildung und Studium: In Neuseeland gibt es kein duales System, also die Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule. Statt eine Ausbildungsvergütung zu bekommen, muss man für die Berufsausbildung bezahlen. Viele verzichten deshalb auf eine Ausbildung. An den Universitäten werden Studiengebühren erhoben. Höhe etwa 5.000 bis 10.000 neuseeländische Dollar pro Semester.

Lifestyle Blocks: In Neuseeland kann man sich relativ günstig ganz viel Land kaufen und darauf sein Häuschen stellen. Wobei die “Häuschen” nicht selten 400 Quadratmeter Wohnfläche aufweisen und das Areal, auf dem sie stehen, zehn Fußballfelder groß ist. Das nennt man dann Lifestyle-Block. Denn das alles ist ein bisschen zu weiträumig, um nur seine Sonnenliege auf den Rasen zu stellen oder ein paar Rosensträucher zu schneiden. Hier kann man seinen Lebenstraum verwirklichen. Zum Beispiel Alpakas züchten. Oder alte Traktoren sammeln. Oder ganz viel Rasen pflanzen, um gegen sich selbst Golf zu spielen. Um Städte wie Christchurch fressen sich die Lifestyle Blocks viele Kilometer in die Landschaft.

Umweltschutz: Von Sauberkeit war ja schon viel die Rede. Auch in Neuseeland findet man kaum Müll auf der Straße. Allerdings viel davon verscharrt in der Landschaft. Die Recycling-Quoten sind gering, und Müllverbrennungsanlagen gibt es nicht. Abwasser fließt oft nur wenig geklärt in Flüsse und ins Meer. In den Supermärkten wird das Eingekaufte von den Kassiererinnen gleich in Plastiktüten verpackt, niemand kommt mit eigenen Taschen. Als eine Supermarkt-Kette für Plastiktüten 10 Cent verlangte, protestierten die Kunden und der Supermarkt kehrte zum kostenlos zurück. Weite Teile des Landes sind abgeholzt zugunsten von Kuh- oder Schafweiden; Fleisch kommt selbstverständlich täglich auf den Tisch. Neuseeland verzichtet seit jeher auf Atomkraftwerke, dafür kommen Öl- und Kohlekraftwerke zum Einsatz. Windräder haben Seltenheitswert. Selbst die ärmsten Neuseeländer besitzen ein Auto. Eine Haftpflichtversicherung können sie sich nicht leisten, und manche Kinder gehen hungrig in die Schule.

Nur einige der Themen, die in Rangiora am Esstisch auftauchten. Dass niemand auf die Idee kommt, das wunderschöne Neuseeland mit seinen freundlichen Menschen sei das pure Paradies. Auslandsreisen lassen einen ja auch die Vorzüge des Heimatlandes wieder schärfer sehen.

Die Zeit bei Mary, Marcus und den liebenswerten Kids haben wir genossen. Zakk nicht zu vergessen, den drolligsten Cockerspaniel der Welt. Wir haben uns weniger als Gäste, mehr als Familienmitglieder gefühlt. Und wir freuen uns, dass die vier vorhaben, nächstes Jahr für drei Monate nach Deutschland zu kommen. Insofern hat Homeschooling doch was Gutes.

Etwas überschattet wurden die zwei Wochen allerdings zunächst durch Probleme im heimischen Wohnprojekt. Ich habe schon erwähnt, dass wir 200 Euro mehr Miete zahlen sollten, weil sich unsere Genossenschaft falsch über die Förderbedingungen der Wohnungsbau-Kreditanstalt informiert hatte. Unsere Mitbewohner zuhause versuchten mit dankenswertem Engagement, eine Lösung in unserem Sinne zu erreichen. Allerdings offenbar ohne Erfolg. Ich bat daraufhin per Mail die Agentur für Baugemeinschaften in der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt um Unterstützung. Wenige Tage später kam von Angela Hansen, der Leiterin der Agentur, die Nachricht, dass die Erhöhung vom Tisch ist. Ganz großer Dank also an Frau Hansen, an das Wohnprojekt und Ende gut, alles gut!

Hier gab es bis Oktober 2019 Bilder vom Familienleben zu sehen. Ich habe sie dann rausgenommen, um die Privatsphäre der Familie zu schützen.

5 Kommentare zu “Neuseeland: Nicht das pure Paradies”

  1. Nicky sagt:

    Hallo ihr Beiden,

    ich finde es immer wieder faszinierend wie du es schaffst deine Eindrücke in Worte zu verfassen. Ich freue mich für euch, dass euer Familienaufenthalt so schön verlaufen ist.
    Ich wünsche euch noch viel Spaß auf eurer weiteren Reise…und ich warte gespannt auf folgrnde Berichte.

    Ach ja, Dieter cooler Bart :-)

    LG Nicky

    • Dieter sagt:

      Hallo Nicky, freut uns von Dir zu hören. Und vielen Dank für die Wünsche. Ob der Bart die Reise überlebt, ist eine offene Frage. Helgas Meinung zu ihm ist eine andere als deine. Herzliche Grüße auch an Thorsten.

  2. karla sagt:

    hallöchen, auch ich lese immer wieder gerne eure Eindrücke…-manchmal habe ich das Gefühl,dass euch Regen und dichte Wolken doch die eine oder andere Aussicht trüben… doch wie auch immer…Helgas Geburtstag nähert sich ja nun in Windeseile-
    Helga-Dir alles Liebe und Gute von Deinem Schwesterlein aus Berlin…Ich hoffe Dir /Euch geht es gut und ihr könnt eure Freiheiten gut geniessen !!!laß Dich ordentlich feiern- Dieter könnte Dir ja auch mal was feines kochen…oder was auch immer…
    sonnige Grüße von Karla-
    ( zumindest bis gerstern hatten wir frühlingshafte Temperaturen-ab morgen soll es wieder kälter werden)

  3. Herbert und Christel sagt:

    Hallo,
    heute am 23.3. auch herzliche Glückwünsche an Helga aus Hannover.
    Schließen uns da Karla an, Dieter kann ja ein Ständchen mit seiner Gitarre bringen.
    Gruß Christel und Herbert

  4. Helga sagt:

    Liebe Familie und Freundinnen,(einige haben auf meine Webseite geschrieben)
    Habe mich gefreut, dass ihr an mich gedacht habt!Es war ein sonniger und schöner Tag und Dieter hat ein leckeres Mahl zubereitet!Seine Gitarre ist immer dabei!
    Ganz liebe Grüße von Helga

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