Neuseeland: In Christchurch

Seit dem 1. März leben wir ja bei der Familie meines Bruders in Rangiora. Die Stadt liegt etwa 25 Kilometer nordöstlich von Christchurch. Beide Städte litten unter den Erdbeben in den Jahren 2010 und 2011.

Rangiora (etwa 12.000 Einwohner, Hauptstadt des Waimakariri-Distrikts) kam allerdings glimpflicher davon als Christchurch. Das alte Rathaus, das zuletzt als Kino genutzt wurde, wird gerade wieder instand gesetzt. Dennoch mussten einige alte Gebäude im Zentrum abgerissen werden, da sie zu stark beschädigt waren. Bei anderen ist noch unklar, ob sie wieder hergerichtet werden können. Auch in den umliegenden Siedlungen mit Einfamilienhäusern – das ist die typische Wohnform in Neuseeland – gab es Schäden. Am Obele-Haus war der Belag der Garageneinfahrt aufgeplatzt, und es gab etliche Risse in den Wänden. Inzwischen sieht man an den Privathäusern allerdings keine Schäden mehr.
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Für Christchurch waren die Erdbeben eine Katastrophe. Das Beben vom 4. September 2010 hatte die Stärke von 7,1 auf der Richter-Skala. Das Epizentrum lag rund 40 Kilometer von der Stadt entfernt in 10 Kilometer Tiefe. Tote gab es nicht, einige Gebäude wurden beschädigt. Das Beben vom 22. Februar wirkte sich dagegen verheerend aus. Es war mit 6,3 schwächer als das vorangegangene, aber das Epizentrum lag nur 10 Kilometer von der Innenstadt entfernt in 5 Kilometer Tiefe. Deshalb waren die Erschütterungen in Christchurch wesentlich stärker zu spüren. Hinzu kam, dass sich das Beben um die Mittagszeit ereignete und deshalb besonders viele Leute auf der Straße unterwegs waren. Bilanz: 185 Tote, bis zu 10.000 Häuser zerstört, bis zu 100.000 beschädigt. Nach Schätzungen beträgt die Schadenssumme bis zu 20 Milliarden Neuseeland-Dollar (ca. 12 Milliarden Euro). Für ein Land mit 4,5 Millionen Einwohnern eine gewaltige Belastung.

Meine Schwägerin Mary, die Ärztin ist, befand sich zum Zeitpunkt des Erdbebens gerade auf dem Flughafen, von wo sie nach Australien fliegen wollte. Sie wurde nach dem Beben wie andere Ärzte in die Innenstadt beordert, wo sie auf einem Parkgelände mithalf, die Verletzten zu versorgen.

Am Montag (3. März) betätigen wir uns als Katastrophen-Touristen und fahren ins Zentrum von Christchurch. Inzwischen ist auch die “Red Zone” wieder zugänglich, die lange Zeit wegen einsturzgefährdeter Gebäude gesperrt war. Mein Bruder hatte uns schon gesagt, dass es kein Problem sei, in der City einen Parkplatz zu finden. Das Beben hat für genug Freiflächen gesorgt, die als Parkplätze genutzt werden.

Und so ist es auch: Wir stellen den Wagen auf einem Parkplatz in der City ab, ohne zu wissen, wo wir genau sind. Auf dem Stadtplan einer Infotafel versuchen wir uns zu orientieren. Dort erkennen wir, dass wir nur 30 Meter vom “Cathedral Square” entfernt sind, dem zentralen Platz der Stadt, an dem auch die markante Kathedrale steht (oder stand). Etwas ungläubig blicken wir Richtung Platz, denn nichts sieht mehr so aus, wie wir es in Erinnerung haben. Erst direkt auf dem Platz erkennen wir die Kathedrale hinter Bauzäunen. Sie sieht jetzt nicht mehr imposant aus. Der Turm ist eingestürzt und hat Teile des Kirchenschiffes beschädigt. Wahrscheinlich wird die Kirche nicht wieder aufgebaut. Als Zwischenlösung hat der japanische Architekt Shigeru Ban einen stilvollen Kirchenbau aus ungewöhnlichem Material entworfen: Pappe.

In der Cashel Street, der Haupteinkaufsstraße, sehen wir viele bunte Container gestapelt. Dort sind jetzt die Läden und Cafés untergebracht. Die bunte Containerlandschaft sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus, finden wir. Da die Behelfsbauten inzwischen recht gut angenommen werden, sollen sie möglicherweise bleiben. Vielleicht ist diese modulare, flexible Bauweise überhaupt ein zukunftsweisender architektonischer Ansatz auch für andere Städte.

Wie schon einst in Napier versucht man in Christchurch die Zerstörung als Chance zu begreifen. Als Chance zum Beispiel, die Stadt nachhaltiger zu bauen. Es gibt Pläne, Christchurch zu einer energieautarken Stadt zu machen, wobei man stark auf Photovoltaik setzt. Über die neuen Pläne informiert das “Recovery Update”, eine Art Zeitung, die die Bürgerinnen und Bürger regelmäßig im Briefkasten finden. Viele befürchten allerdings, dass die hochfliegenden Pläne auf dem harten Boden der Realität landen, wo es dann heißt: kein Geld vorhanden.

Im Container, in dem ein Outdoor-Laden der Kette “Kathmandu” eine Bleibe gefunden hat, kaufe ich ein Paar Wanderschuhe. In Christchurch kann man jeden Dollar gebrauchen.

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4 Kommentare zu “Neuseeland: In Christchurch”

  1. Eugen sagt:

    “Photovoltaik”? hm, nie gehört.(googelt wild…)

  2. Peter Schweer sagt:

    Hallo, Dieter! Ich bin immer wieder beeindruckt von Deinen Reiseberichten. Jetzt, da Ihr an den Antipoden angelangt seid, führt jede weitere Bewegung wieder näher in Richtung Hamburg. Ich wünsche Euch beiden weiterhin eine gute Reise!
    In Gedanken bin ich bei Euch in der Ferne und muss gestehen, ein bisschen Neid mischt sich auch mit ein…
    Liebe Grüße!

    • Dieter sagt:

      Hallo Peter! Schön von Dir zu hören. Wir sind in der Tat jetzt am weitesten von Hamburg entfernt. Zeitlich sind wir unserer Rückkeht schon näher als dem Beginn der Reise. So schnell geht das! Herzliche Grüße auch an die Gruppe in Altona
      Dieter

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