Nach Flores: Von Drachen und Seesternen

Vier Tage mit dem Boot nach Flores. Worauf haben wir da eingelassen? Im Nachhinein: auf eine unkomfortable, aber erlebnisreiche und schöne Tour. Einschließlich Drachen.

Die Fahrt von Senggiggi auf der Küstenstraße nach Bangsal, wo unsere Boot liegt, zeigt nochmal, wie schön Lombok landschaftlich ist. Und nicht so touristisch überdreht wie Bali. Wenn ich nochmal die Wahl haben sollte, ich würde Lombok vorziehen.

Am Hafen von Bangsal müssen wir eine ganze Weile warten bis alle Teilnehmer zusammen sind. Im Shuttle-Bus hierher haben wir schon Benoît, kurz Ben, kennengelernt, einen Südfranzosen, der wortreich von seinen vielfältigen Reiseerlebnissen erzählt. Unterwegs ist er – zu unserer Ver- und Bewunderung – mit so wenig Gepäck, dass es in einen größeren Tagesrucksack passt. Wichtiger Teil davon ist ein kleines Notizbuch mit schwarzem Einband, in das er in Miniaturschrift Erlebtes und Gedachtes schreibt. Zu uns an den Tisch setzt sich Petra aus Mainz, die einen Jobwechsel nutzt, um zwei Monate Indonesien zu erkunden. Und Tina, eine junge Irin mit langem blondem Haar und auffallend tiefer Stimme.

Neun statt fünfundzwanzig

An Bord stellen sich Nina und Armand. vor, ein Paar um die 40 aus Lettland. Als sie auf Englisch als Herkunftsland “Latvia” sagen, weiß unser Reiseleiter Chit damit offenbar nichts anzufangen. Letten unterwegs in Indonesien, das gibt es wohl (noch) nicht so oft. Holländer umso häufiger. Maggie und Milan halten wir zunächst wie selbstverständlich Rein junges Liebespaar, erfahren erst später, dass sie Geschwister sind. Mit beiden saßen wir vor Wochen schon einmal zusammen in einem Bus – in Laos?, in Vietnam?, keine Ahnung.

Damit sind die Mitreisenden auch schon aufgezählt. Wir haben das Glück, nur zu neunt zu sein. Sonst sind es bis zu 25 Leute, die sich den Platz teilen müssen. Nicht ganz einfach bei einem rund 20 Meter langen und vier Meter breiten Holzboot mit nur einer Schöpftoilette ohne Waschbecken, geschweige denn Dusche. Und wie man Matratzen für so viele Leute auf dem Oberdeck unterbringen kann, ist uns ein Rätsel. Wir haben es also vergleichsweise bequem. Dazu kommt die fünfköpfige Crew plus ein etwa zwölfjähriger Junge, der mit Papa mitfahren darf und mit seinem spitzbübischen Grinsen bald zum Liebling aller wird. Chenk, unser “Reiseleiter”, sieht mit einen 22 Jahren aus wie ein großer Junge und avanciert mit Charme, Witz und Body zum Darling der Damen.

Wir fahren am Samstag gegen Mittag los, tuckern stets in Sichtweite der Küste, zunächst der von Lombok, dann der von Sumbawa. Es regnet nicht, bleibt aber stets wolkig. Blaues Meer vor dicht bewaldeten Gebirgszügen, ab und zu mal die Hüttenreihe eines Fischerdorfs – wie schön sähe das alles bei strahlendem Sonnenschein aus! Es ist nicht windig, aber ich merke bald, dass mir der Seegang doch leichte Übelkeit macht. Vorsorglich nehme ich dann doch eine Tablette gegen Reisekrankheit.

Frisch aus der Kombüse

Bei der Sugian Beach auf Sumbawa ankert die “Budi Jaho” am späten Nachmittag erstmals. Wir springen alle vom Boot ins Wasser, geschätzte Temperatur 28 Grad, und schwimmen ausgiebig. Den im Prospekt versprochenen “beautiful Sunset” können wir mangels Sonne nicht beobachten. Dafür stellt die Crew ein leckeres Dinner auf die Deckplanken. Keine Konservenkost, wie man angesichts der beengten Verhältnisse erwarten könnte, sondern alle Zutaten in der winzigen Kombüse frisch geschnippelt.

Wir fahren noch eine Weile in der Dunkelhait, schauen auf das Funkelband aus leuchtendem Plankton, das in der Gischt vorbeizieht, und machen dann gegen neun Stop für die Übernachtung. Matratze an Matratze schaukeln wir in den Schlaf, zum Glück ohne Motorengeräusch als Einschlafhilfe. Schon in den ersten Stunden auf dem Schiff hat sich gezeigt, dass die zusammengewürfelte Schar gut miteinander kann. Interessante Leute, aber keiner ist strapaziös. Wir bedauern einmal mehr unser mäßiges Englisch. Denn die anderen – vielleicht außerdem lettischen Paar – können sich locker-flockig über Gott und die Welt unterhalten. Wir fühlen uns etwas gehemmt durch die Sprachbarriere und suchen deshalb weniger aktiv das Gespräch.

In den frühen Morgenstunden ist unser Boot schon ein Stück weitergefahren bis Mojo Island, eine größere Insel nördlich von Sumbawa. Hier soll es eigentlich erstmals an Land gehen, um einen Wasserfall anzuschauen. Während der Nacht hat es allerdings stundenlang stark geregnet. Weil die Wege dadurch zu rutschig sind, fällt der Landgang leider aus. Nach Frühstück und Zahnpasta Spucken über die Reling schwimmen wir wieder eine Runde.

Blaue Seesterne

Nicht viel weiter liegt Satonia Island. Wir ankern an einem Korallenriff, das erstmals Gelegenheit zum Schnorcheln gibt – auch eine neue Erfahrung für mich. Zwar komme ich mit dem Atmen durch die Brille noch nicht zurecht und muss über Wasser Luft holen. Aber auch so eröffnet sich mir die faszinierende Unterwasserwelt aus bizarren Korallenlandschaften und leuchtend bunten Fischen, die mal träge verharren oder im Schwarm blitzschnell unisono die Richtung ändern. Und noch niemals haben Helga und ich blaue Seesterne gesehen – und was für ein Blau! Wir beneiden die Holländer, die eine kleine Unterwasserkamera dabei haben. Während wir schnorcheln, beginnt es wieder stark zu regnen. Bauch und Brust im warmem Meerwasser, prasseln die vergleichsweise kalten Regentropfen auf den Rücken. Das piekst.

Danach gehen wir Land, denn auf Satonia liegt unweit der Küste ein Salzwassersee. Noch immer regnet es in Strömen und über das überraschend große Gewässer ziehen graue Wolkenschleier. Ein mystischer Ort ;-) Tatsächlich berge der See ein Geheimnis, sagt Reiseleiter Chenk uns. Niemand wisse, woher das Salzwasser komme (es muss wohl einen unterirdischen Zugang zum Meer geben?). Und wie tief der See sei, auch das sei ein Geheimnis. Zwei Taucher seien einst hinab und dann wieder aufgetaucht. Mysteriös, mysteriös …

Laba Island

Laba Island, unser nächster Halt, ist eine Menge Seemeilen entfernt. Wir fahren deshalb die zweite Nacht durch. Trotz des Recht lauten Motorengeräuschs kann ich gut einschlafen, werde aber mitten in der Nacht wach. Die See ist unruhig, und der Regen prasselt auf die Plane über uns. Außerdem schreit die Mannschaft aufgeregt durcheinander. Ich sehe mich schon in roter Rettungsweste im Meer treiben. Zum Glück beruhigt sich alles schnell. Am Tag erfahren wir, dass ein anderes Boot gefährlich nahe gekommen war – ausgerechnet eins der selben Firma.

Laba Island hat drei Attraktionen: Flughunde (so ‘ne Art große Fledermaus), einen Strand mit rotem Sand und vor der Küste einen Ort, wo sich besonders viele Mantarochen herumtreiben. Die Flying Foxes zeigen sich uns nicht. Die Red Beach ist erst beim zweiten Blick rot. Dann nämlich, wenn man sich den Sand am Wassersaum genauer ansieht. Der ist durchsetzt mit roten Partikeln, die wohl vom vorgelagerten Korallenriff stammen. Auch dieses Korallenriff ist ein interessantes Schnorchelrevier, etwas weniger bunt als das vor Satonia, aber vielen Schwärmen flotter Fischlein.

Dann fahren wir hinaus und halten Ausschau nach den Mantas. Und tatsächlich ruft die Crew bald “Manta, Manta”! Zunächst tauchen für eine Sekunde die Spitze der gewaltigen Flossen auf. Dann erahnt man im Näherkommen einen großen, grauen Dreieckskörper unter Wasser. Jetzt heißt es schwimmen mit den Mantas! Leider ist es mir nicht vergönnt, einen der Riesen im Wasser vor meine Augen zu bekommen. Andere haben das Glück.

Laba Island und die Inselwelt östlich unterscheiden sich landschaftlich stark von den dicht bewaldeten Inseln wie Lombok oder Sumbawa. Der Bewuchs ist sehr viel spärlicher, oft überzieht nur Gras die Bergkuppen. Die Landschaft erinnert uns an die Nordinsel Neuseelands, an jene Regionen, in denen einst der “Herr der Ringe” gedreht wurde.

Unter Drachen

Wir nähern uns dem Höhepunkt der Reise, dem Komodo-Nationalpark. Ohne die “Dragons”, die weltberühmten Komodo-Warane gesehen zu haben, wäre die Reise nur die Hälfte wert. Am Montagnachmittag erreichen wir Nationalpark-Station auf Komodo-Island. Hier kann man auf drei verschieden langen Wegen Ausschau nach den Tieren halten. Selbstverständlich nicht allein, sondern in Begleitung von zwei Rangern, einer vorne, einer als letzter Mann der Gruppe. Die bis zu drei Meter langen Echsen sind nämlich durchaus auch für Menschen gefährlich. Ein Schlag mit dem Schwanz haut auch den stärksten Mann um. Und wenn ein Waran zubeißt, dann schleust er einen tödlichen Bakterien-Cocktail in die Blutbahn des Opfers. Kommt keine schnelle Hilfe, stirbt man daran binnen weniger Stunden, und der Waran kann sich freuen, statt Hirsch mal Mensch in den Bauch zubekommen. Später erfahren wir, dass am Morgen vor unserer Ankunft ein Junge aus Malaysia gebissen worden ist.

Nun ja, wir vertrauen auf die Erfahrenheit der Ranger, die auch zwei vorne gegabelte Holzstangen bei sich haben zur Abwehr im Notfall. Und oftmals ist es so, dass man auf freier Wildbahn keins der urzeitlichen Viecher zu Gesicht bekommt. Sind ja keine gelernten Touristenbespaßer wie die Affen von Ubud. Wir folgen den Rangern auf äußerst matschigen Wegen durch Wald und Buschland – und haben großes Glück: Auf einem Hügel hält unser Führer inne, denn nur zwei Meter abseits des Weges liegt ein Waran und lässt seinen braun-grauen gepanzerten Rücken von der Sonne bescheinen. Ein Weibchen offenbar, denn es ist nicht allzu groß. Und dann entdecken wir im Umkreis von zwanzig Metern noch drei weitere Tiere, darunter ein großes Männchen.

Als ich, um schnell eine bessere Position fürs Fotografieren zu erreichen, etwas heftig auf den Boden auftrete, verwarnt mich der Ranger. Erschütterungen können die Tiere aufscheuchen, und wer weiß, was dann … Die Tiere halten jedoch alle still, ein leichtes Anheben des Kopfes ist schon das Maximale an Bewegung. So kommen wir ohne Stress zu unseren Fotos. Den Anblick der Warane kommt mir fast schon vertraut vor, ohne das große Nie-Gesehen-Gefühl. Wahrscheinlich haben sich Bilder von den vielen Tierdokumentationen im Kopf festgesetzt und werden nun aktiviert, die man im Laufe des Lebens im Fernsehen gesehen hat.

Befriedigt von soviel Jägerglück kehren wir nach einer Stunde zur Rangerstation zurück. Etwas dürftig waren allerdings die tierkundlichen Erklärungen der Ranger. Hätte ich WLAN auf dem Schiff, würde ich sofort bei Wikipedia nachlesen. Morgen haben wir allerdings auf Rinca ein zweites Mal Gelegenheit, mit Nationalpark-Rangern unterwegs zu sein.

Kleine Erwachsene

Wir ankern zum Übernachten vor Kommodo-Town. Kinder kommen mit Booten angefahren und versuchen uns zum Kauf von Postkarten und Drachen-Nachbildungen aus Plastik zu überreden. Es ist schon erstaunlich, wie selbstverständlich schon zehnjährige Jungs allein in Motorbooten unterwegs sind. Chenk erklärt uns, dass die Kinder in Indonesien schon früh der Aufsicht der Eltern entwachsen und Dinge tun, die für die überbehüteten Bälger bei uns daheim unvorstellbar wären. So kommen sie mir auch vor: als kleine Erwachsene, die manchmal aus taktischen Gründen Kind spielen.

Unser letzter Abend auf dem Schiff. Ich leihe Chenk meine Hanoi-Gitarre, und er spielt mit Charme den Unterhalter. Es wird etwas später als sonst, und wir legen uns mit dem Gefühl schlafen, dass sich Reise schon jetzt gelohnt hat.

Rinca Island

Am Dienstagmorgen tuckern wir nach Rinca Island und unternehmen nochmal eine Tour durch den Nationalpark. Obwohl wir diesmal zwei Stunden durch die überaus schöne Landschaft stapfen – Warane wollen sich diesmal nicht zeigen. Dafür sind die Erklärungen der Ranger deutlich besser als auf Komodo. So zeigen sie uns die Löcher, in denen die Tiere ihre Eier ablegen. Nach acht bis neun Monaten schlüpfen die Waran-Babys. Sie verziehen sich jedoch rasch auf Bäume, um sich vor ihren Artgenossen zu schützen. Denn Warane sind Kannibalen, und es kommt vor, dass eine Mutter ihre eigenen Kinder frisst. Was hat sich der Schöpfer bloß dabei gedacht …

Dann gibt’s noch ein Abschluss-Schwimmen vor einer hübschen Insel bei Labuan Bajo, unserem Ziel auf Flores. Die coolen Jungs der Crew, die in den vergangenen Tagen dafür gesorgt haben, dass es uns gut ging, gönnen sich jetzt auch eine Abkühlung, einschließlich artistischer Saltos vom Deck ins Wasser. Maggie hält locker mit. Nachträglich erfahren wir, dass sie in der holländischen Nationalmannschaft im Hockey spielt. Und ich hatte schon gestaunt, wie sportlich die jungen Leite heutzutage sind …

Am frühen Nachmittag laufen wir in Labuan Bajo ein. Keine Frage, die Bootstour war ein tolles Erlebnis. Dennoch freuen wir uns nach vier Tagen mit sehr eingeschränkter Hygiene auf eine ausgiebige warme Dusche. Und fast hätten wir es vergessen: Es ist ja der 24. Dezember.

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