Mendoza, Argentinien: Die Schiene

Mendoza ist unsere erste Station in Argentinien. Eigentlich macht man von hier aus Touren auf Weingüter. Oder steigt auf die Gipfel der nahe gelegenen Anden. Doch für uns gilt: Statt Anden Arm.

Am Montagmorgen (5. Mai) steigen wir in Valparaiso (Chile) in den Bus nach Mendoza (Argentinien). Gut 400 Kilometer sind es bis in die Provinzhauptstadt im Westen Argentiniens. Nach zwei Stunden Fahrt beginnt der Anstieg zum Paso de la Cumbre. Der Hauptkamm der Anden bildet die Grenze zwischen Chile und Argentinien. Die Straße windet sich in unzähligen Kehren nach oben, die schneebedeckten Andengipfel rücken immer näher. Eine karge Felslandschaft, die nichts Liebliches hat wie viele Alpentäler mit ihren grünen Weiden und Wäldern. Etwas unterhalb der Grenzstation erreichen wir die Schneegrenze. Der Pass liegt auf 3.824 Meter Höhe – so hoch war ich noch nie! Der Grenzübertritt dauert lange, an die zwei Stunden. Die freundlichen Grenzer begnügen sich nicht mit Stichproben des Gepäcks, sondern werfen einen Blick in jedes Stück, sei es Koffer oder Kameratasche.

Dann geht es wieder abwärts, aus der Schneelandschaft wird eine rot-braune Felskulisse, schließlich eine wüstenhafte Ebene. Kaum zu glauben, dass in dieser kargen Landschaft das bedeutendste Weinanbaugebiet Argentiniens liegt. Doch bald säumen riesige Weinfelder die Straße, die Blätter der Reben haben sich rostrot verfärbt. Auch die Stadt Mendoza empfängt uns mit herbstlich eingefärbten Alleen und grünen Plätzen, auf denen Springbrunnen plätschern. Schon die indigene Bevölkerung wusste das Wasser der Anden zu nutzen und legte Bewässerungskanäle an. Die Spanier perfektionierten das Bewässerungssystem und verwandelten die Gegend in eine große grüne Oase.

Hostel Punto Urbano

Vom Busbahnhof fahren wir mit dem Taxi zum Hostel Punto Urbano. Unser Quartier in der Innenstadt macht einen freundlichen Eindruck. Es gibt einen baumbestandenen Innenhof mit Tischtennisplatte und einem Grillofen in der Ecke, in einem abgrenzen Bereich hoppeln sogar einige Meerschweinchen herum. Zudem hat das Hostel eine Küche, in der die Gäste selbst kochen können. Also alles so, wie wir es von Backpacker-Hostels gewohnt sind. Das Publikum ist überwiegend jung und aus den USA. Schon in Chile haben wir gemerkt, dass es in Südamerika mit der Dominanz der Deutschen vorbei ist. Unser Zimmer liegt nach hinten zum Innenhof, was uns zunächst als Vorteil erscheint. Wie man es schafft, in einem Zimmer nicht einmal ein paar Haken an der Wand anzubringen, an denen man ein Kleidungsstücke aufhängen kann, das ist allerdings ein Rätsel. Wir sind ja so froh, dass wir unsere Hemden und Hosen in Packtaschen aus Plastik sortiert haben, das hält das Zimmer-Chaos in Grenzen.

“Mendoza ist eine geschäftige Stadt mit breiten, baumbestandenen Allen, stimmungsvollen Plätzen und kosmopolitischen Cafés”, schreibt der “Lonely Planet”. Auch wenn ich “kosmopolitische Cafés” für etwas dick aufgetragen halte (wozu der LP allgemein neigt), als Beschreibung der Stadt kann das schon durchgehen. Herausragende Baudenkmäler hat die Stadt allerdings nicht zu bieten, was unter anderem an den zahlreichen Erdbeben liegt. Für die Stadt reicht also ein Tag zum anschauen. Die meisten Besucher starten dann noch eine Tour über die Weingüter. Bergsteiger nutzen Mendoza als Ausgangspunkt für den Cerro Aconcagua, mit 6.962 Metern nicht nur der höchste Berg der Anden und Amerikas, sondern der höchste außerhalb des Himalaya.

Die Schiene

Wir allerdings gehen zum Arzt. Hinter dem kurzen Satz verbirgt sich eine lange Geschichte, die unseren Aufenthalt in Mendoza bestimmt. Ich fasse mich kurz: Der deutsche Konsul vermittelt uns eine deutsche Ärztin. Frau Dr. Schmidt erweist sich als Glücksfall. Sie ist nicht nur sympathisch, sondern macht auch rasch einen Termin bei einem Orthopäden im Krankenhaus klar und begleitet uns dorthin. Ohne sie wären wir dort verloren gewesen, denn auch Ärzte sprechen in Argentinien in der Regel kein Englisch. Eine erneute Röntgenaufnahme zeigt, dass der Bruch doch etwas komplizierter ist als bisher angenommen, sogar eine Operation und ein Reiseabbruch steht kurzzeitig im Raum.

Dr. Silva verschreibt mir statt dessen eine individuell angefertigte Armschiene und gibt sein Ok für die Weiterreise. Zwischen den Terminen beim Arzt und in der Orthopädie-Werkstatt schlagen wir uns mit der Reise-Krankenversicherung herum. Denn die Schiene ist recht teuer – mehr als 1.600 Euro. Wir zahlen sämtliche Rechnungen erstmal selbst in bar, und seit Freitagabend (9. Mai) trage ich eine Schiene aus Hartplastik, die am Ellenbogen ein Gelenk hat. Meine Aufgabe: Den Arm, wo immer möglich, beugen und strecken, um einer Versteifung des Ellenbogens entgegenzuwirken. Die Schiene behindert mich doch deutlich mehr als der Verband, den ich in Fidschi bekommen habe. Spontane Schnappschüsse mit der Kamera sind nicht mehr drin. In vier Wochen muss ich irgendwo nochmal in die Klinik, um die Genesung kontrollieren zu lassen.

Wegen der Armgeschichte haben wir weder Zeit noch steht uns der Sinn nach großen Aktivitäten. Wir schlendern durch die Stadt, stöbern in Geschäften, gehen zum Park General San Martin. Mendoza, das mit den eigenständigen Vororten knapp eine Million Einwohner hat, ist eine lebhafte, angenehm grüne Stadt. Mehr als zwei Tage der Stadt wegen wären wir allerdings wohl kaum geblieben. Zumal sich die Lage unseres Zimmers zum Innenhof als Nachteil erweist: Bis nachts um drei sitzen dort manchmal Gäste redend und lachend – wir schlafen kurz.

Siesta und andere Merkwürdigkeiten

Ein paar Beobachtungen:
Die Siesta wird hier noch eingehalten. Am frühen Nachmittag schließen die Geschäfte und machen erst wieder gegen fünf auf. In dieser Zeit ebbt das Leben in der Stadt merklich ab. Die Argentinier haben diese Taktung verinnerlicht, für uns ist sie fremd, manchmal ärgerlich. Im Gegensatz zu Valparaiso sind die Läden sonntags geschlossen.

Die Preise liegen höher als in Chile. Bei Lebensmitteln mindestens auf deutschem Niveau, bei Kleidung kaum darunter. Zum Glück sind die Preise für Unterkünfte noch deutlich unter denen in der Heimat, und auch im Restaurant zahlt man weniger. 2002 hat Argentinien den Peso vom Dollar entkoppelt und abgewertet. Seitdem ist Argentinien als Reiseland erschwinglich. Die Inflation ist allerdings sehr hoch (inoffiziell 25 Prozent); die Preise, die der Reiseführer nennt, sind bei längst überholt.

Geldautomaten findet man selten und nur bei Banken. Oft bilden sich lange Schlangen davor. Da nur 100-Peso-Scheine (gut 9 Euro) ausgegeben werden, hat man stets einen Packen Scheine in der Brieftasche.

Männer und Frauen verabschieden sich, auch wenn sie sich nicht näher kennen, grundsätzlich mit einem Wangenkuss. Also zum Beispiel auch die Patientin vom Arzt.

WiFi in der Öffentlichkeit ist weit verbreitet. Auf zentralen Plätzen oder im Park hat man ein Netz. Selbst an Friseurläden oder Imbissbuden sieht man oft das WiFi-Zeichen. Allerdings: Die Geschwindigkeit und Stabilität ist oft dürftig.

Was uns schon in Chile aufgefallen ist: Wir sehen keine Reichen in der Stadt! Zumindest wenn man sich an Kleidung, Auftreten, Auto orientiert. Verstecken sich die alle? Keine Luxusschlitten auf der Straße, keine Damen in sündhaft teuren Designer-Kleidern. Zu sehen sind arme Leute und Mittelschicht. Ich hätte in Südamerika gerade das deutlich sichtbare Aufeinandertreffen von Arm und Reich erwartet.

Frau Dr. Schmidt berichtet von einer deutlichen Zunahme der Kriminalität, alle Häuser seien mit hohen Zäunen gegen Einbrüche gesichert. Auch die Außentür unseres Hostels muss stets von der Rezeption eigens geöffnet werden. Selbst in der Markthalle, in der wir mehrmals essen, laufen Sicherheitsleute mit Pistolen herum. Überall ermahnen uns auch Leute, auf unsere Sachen aufzupassen, die Kamera nicht offen zu tragen. Neben der sozialen Ungleichheit sind es, so sagt Frau Dr. Schmidt, die Drogen, die das Land überschwemmen und die Kriminalität befeuern. Wir sind allerdings bisher nie in eine brenzlige Situation geraten.

Das Niveau der Schulen ist niedriger als in Deutschland. Auch das ist eine Erfahrung von Frau Dr. Schmidt, Mutter dreier Söhne. Die Lehrer werden schlecht bezahlt, unterrichten oft in zwei Schulen, um ein besseres Gehalt zu erzielen. Dass selbst junge Leute und Akademiker meist kein Englisch sprechen, kann man als Zeichen für die Bildungsmisere nehmen.

Da wir bisher nur große Städte gesehen haben: Am Sonntag (11. Mai) wollen wir aufs Land. Es wartet das Tal des Mondes.

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