Kon Tum, Vietnam: Haute Cuisine im Dschungelcamp

Der Sleeping Bus drei bringt uns am frühen Montagmorgen nach Kon Tum. Die Provinzhauptstadt im zentralen Hochland ist wie die meisten vietnamesischen Städte keine Schönheit. Interessant ist die Umgebung: Dort liegen hunderte Dörfer von Bergvölkern. In einige soll noch nie ein Westler seinen Fuß gesetzt haben.

Zur Touristenhochburg Hoi An könnte der Kontrast kaum größer sein. Außer uns selbst begegnen uns noch vier andere Menschen, die eindeutig als Reisende aus dem Westen zu identifizieren sind. Im “Family Hotel”, das wir wegen seines schönen grünen Innenhofs wählen, wohnen zwei davon, ein älteres Paar aus Italien. Mit den beiden anderen werden wir Spannendes erleben. Davon gleich mehr.

Das Leben eines Bergstammes einigermaßen authentisch mitzubekommen, das wäre schon was. Meist gleichen ja Touren zu ethnischen Minderheiten eher Folkloreveranstaltungen, in denen Dorfleben und Traditionen vorgespielt werden und das finanzielle Interesse von Tourveranstaltern und Dorfbewohnern im Vordergrund stehen.

Wir gehen zum Touristenbüro in Kon Tum, finden dieses aber verschlossen vor. Am Nachmittag kommt unverhofft der Chef eines Tourbüros vorbei und bietet uns für den nächsten Tag eine Fahrt in ein Minderheiten-Dorf an, einschließlich einer Musikdarbietung am Abend. Das alles klingt zu sehr nach Folklore – wir lehnen ab.

Evas Café

Wir folgen dann dem Tipp des Reiseführer-Buches und gehen am Abend zu “Evas Café”. Dessen Inhaber, Mr. An, könne bei Tourwünschen ebenfalls weiterhelfen, steht im “Loose”. Und tatsächlich, während wir unseren Banana-Mango-Shake schlürfen, setzt sich Mister An zu uns. Er breche morgen auf zu einem Stamm der Jarei mit Übernachtung im Dorf. Mister An, ein hagerer Mann in unserem Alter, erzählt überzeugend von seiner engen Beziehung zu den Bergvölkern, ihrem Leben in und mit der Natur. Keine Tour von der Stange, so erscheint es uns.

Wir zögern dennoch lange, denn wir sind etwas hasenfüßig, ob wir uns das zutrauen können. Aber einerseits anders sein zu wollen als die meisten Touris und dann andererseits die Hosen voll zu haben, wenn es mal um unbequemere Erfahrungen geht?? Wir sagen schließlich “ja”. Unsere Zusage erleichtert, dass wir nicht allein mit Mister An unterwegs sein werden. “Two young women from your country”, kämen mit, sagt Mr An.

Die “Women from your Country” sind Nicole und Stefanie aus Luzern in der Schweiz, die wir am Dienstagmorgen im “Evas Café” treffen. Dieters Probefahrt auf dem Moped mit Gangschaltung (nie gefahren) überzeugen die Umstehenden wohl nicht ganz. Deshalb wird er zum Mitfahrer auf der Suzuki von Ans Sohn degradiert. Helga darf hinter Mr. An Platz nehmen, und Nicole fährt souverän mit Freundin Stefanie hintendrauf.

Gesichtskontrolle

Etwa 40 Kilometer soll es durch die Berge gehen, dann ein zweistündiger Fußmarsch zum Dorf der Jarei folgen. Schnell stellt sich heraus, dass das alles nicht so einfach ist. Immer mal wieder müssen wir eine Pause einlegen, weil An telefonieren muss oder verhandeln – mit der Polizei, mit Dorfverantwortlichen. Die Zeit vergeht. Wir müssen unterwegs Kopien unserer Pässe machen lassen und landen schließlich sogar auf einer Polizeiwache zur Gesichtskontrolle.

Hintergrund der Schwierigkeiten ist, so bekommen wir allmählich mit, das belastete Verhältnis der Bergvölker zu Regierung und Behörden. Die Stämme sehen sich als autonom, die Zentralgewalt als fremde Macht. Vor Jahren sollen sie Polizeiwachen angegriffen haben. Zudem kommt, dass einige Männer auf Seiten der Amerikaner gegen die Viet Kong gekämpft haben. Der Besuch gerade von Ausländern in den Minoritäten-Dörfern ist deshalb eine heikle Angelegenheit und nur durch Mister Ans Beziehungen zu regionalen Dienststellen möglich. Aber es wechseln auch mal Polizeichefs …

Als wir endlich grünes Licht bekommen zur Weiterfahrt, ist es zu spät, um das Dorf noch zu erreichen, das wir ursprünglich besuchen wollten. Wir steuern deshalb ein Dorf an, das recht nah an der Hauptstraße liegt und mit dem Moped erreichbar ist.

Im Dorf

Wir schlagen unser Nachtquartier im Holzhaus des Dorfoberhaupts auf und unternehmen dann einen Rundgang durchs Dorf. Mittelpunkt des Dorfes ist das Rong-Haus, eine aufwändige Holzkonstruktion mit hohem und steilem Dach aus Schilf, das als Versammlungshaus dient. Zur Zeit der Stammeskriege kamen hier die Krieger zusammen. Die restlichen Hütten und Steinhäuser präsentieren sich eher ärmlich, ebenso wie die Kleidung der Bewohner. Strom gibt es, meist auch Fernseher, moderne Haushaltstechnik ansonsten Fehlanzeige. Das Essen wird auf der offenen Feuerstelle im Haus gekocht. Ein paar zerbeulte Metalltöpfe und ein Rost zum Grillen genügen.

Wir werden in ein Haus geführt, in dem eine Hochzeit stattfindet. Wer ein herausgeputztes Brautpaar und eine geschmückte Tafel erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen kommen wir in eine kleine Runde, die auf dem Boden den Schweinerippchen und mehr noch Schnaps und Wein zuspricht. Letzterer wird aus gegorenen Maniokknollen hergestellt und aus Bambusbechern getrunken. Wir fremdartigen Riesen aus dem Westen – die meisten Mitglieder des Volkes werden kaum einen Meter sechzig hoch – werden mit überschwänglicher Herzlichkeit empfangen. Die drückt sich vor allem in der ständigen Aufforderung zum Essen aus – und im unaufhörlichen Reichen eines neuen Schnapsglases. Gar nicht so einfach, das Angebot anzunehmen und das Glas dann taktvoll angenippt weiterzureichen. Nicole und Stefanie erfreuen sich außerdem besonders herzlicher Zuwendung trunkener Männer – ohne üble Aufdringlichkeit allerdings.

Matriarchat

Man wartet noch auf die Braut und deren Familie. Der Bräutigam, ein Bursche, der aussieht, als sei er gerade 17 geworden, ist entsprechend nervös. Mister An, der die Sprache der Jarei spricht, erklärt uns, dass bei den Völkern die Frauen das Sagen haben. Sie suchen sich den Mann aus, der dann vor dem endgültigen Ja-Wort einige Zeit im Elternhaus der Frau arbeiten muss. Die Hochzeit sei allerdings kein so sehr wichtiges Ereignis, viel wichtiger seien die Begräbnisfeiern. Ein fröhliches Gelage, das eine Woche dauere. Schließlich geht der Tote ins Reich der Natur und wird vielleicht zum Baum. Insofern ist der Tod nichts wirklich Schreckliches.

Wir haben den Eindruck, dass die Jarein zum Trinken keinen besonderen Anlass brauchen. Denn als wir später in einem anderen Haus sitzen wiederholt sich das Trinkritual; nüchtern ist niemand.

Seiten: 1 2

Ein Kommentar zu “Kon Tum, Vietnam: Haute Cuisine im Dschungelcamp”

  1. Nicole sagt:

    Guter bericht und tolle fotos :-)

Schreibe einen Kommentar