Copacabana, Bolivien: Still ruht der See

Nach den strapaziösen Busfahrten und dem lauten La Paz suchen wir vor allem eins: ein paar Tage Ruhe. In Copacabana am Titicacasee finden wir sie.

Wir sind unterwegs auf der Fernstraße 2 nach Copacabana am Titicacasee. Es ist Donnerstag, 12. Juni. Endlos ziehen sich die Vororte von La Paz in die karge Landschaft des Altoplano. Es wird vielgebaut hier. Allerdings wirken so gut wie alle Häuser unfertig. Im Erdgeschoss sind Läden oder Werkstätten eingezogen, aber das Obergeschoss ist entweder noch nicht ausgebaut oder es scheint leer zu stehen. Trotzdem werden überall neue Häuser hochgezogen. Verstehen tue ich das nicht. Stadtteile, die unserem Bild von Favela entsprechen, haben wir übrigens weder in La Paz noch in anderen Städten Boliviens gesehen.

Nach knapp drei Stunden Fahrt sehen wir zum ersten Mal das tiefe Blau des Sees. Mit fast 8.300 Quadratkilometern Fläche ist der Titicacasee rund 16 Mal so groß wie der Bodensee. Der zweitgrößte See Südamerikas liegt 3.810 Meter über dem Meeresspiegel und ist damit der höchstgelegene kommerziell schiffbare See der Welt. Die Grenze zwischen Bolivien und Peru geht mittendurch. Da der See als Wärmespeicher fungiert, ist es trotz der Höhe möglich Landwirtschaft zu treiben. Angebaut werden zum Beispiel Kartoffeln und Getreide. An den Berghängen sehen wir Terrassen, die offenbar früher bewirtschaftet wurden. Dem Titicacasee geht es nicht allzu gut. Er ist durch Abwässer verschmutzt, und der Wasserspiegel sinkt als Folge des Klimawandels seit Jahren.

Nach einiger Zeit erreichen wir die Ortschaft San Pablo de Tiquina. Hier müssen wir den Bus verlassen und mit dem Boot auf die andere Seite nach San Pedro de Tiquina auf der Copacabana- Halbinsel übersetzen. Die Polizei nutzt diese Gelegenheit, um die Pässe aller Fahrgäste zu überprüfen. Der Bus wird auf eine andere Fähre gesetzt, die grade mal so groß ist, dass sie ihn transportieren kann. In San Pedro steigen wir wieder zu.

Copacabana

Noch wenige Kilometer und wir sind in Copacabana, dem Haupttouristenort des bolivianischen Teils des Sees. Unser gebuchtes Hotel, das “Hostal La Cúpula”, bietet gute Voraussetzungen für geruhsame Tage. Es liegt ruhig etwas außerhalb auf halber Höhe am Berg. Von unserem geschmackvoll eingerichteten Zimmer blicken wir auf den See. Die ganze Anlage ist etwas verwinkelt gebaut mit einem Touch Hundertwasser. Wir beschließen, unsere Buchung auf vier Tage zu verlängern. Man bietet uns an, die letzten zwei Tage in ein größeres Zimmer zu ziehen, das sogar einen Wintergarten mit Hängematte besitzt. Und einen noch besseren Blick auf den Titicaca. Im Haus gibt es außerdem ein Restaurant mit gutem Ruf. So haben wir uns das vorgestellt nach den anstrengenden letzten Tagen.

Am Nachmittag gehen wir runter, um ums das Städtchen anzuschauen. Obwohl Copacabana der Touristenort auf der bolivianischen Seite des Sees ist, geht es ruhig zu. Vor allem überrascht und freut uns, dass es kaum Autoverkehr gibt. Es gibt zwei Straßen zum Flanieren, die voller Restaurants, Tourbüros und Läden sind. Dazu eine Uferpromenade, auf der wir an einer Phalanx von gelben Tretbooten in Schwanenform vorbeigehen, die am Saum des Sees dümpeln.

Weihwasser für Autos

Wir schauen uns die Hauptattraktion des Ortes an, die riesige weiße Basilika mit ihren zahlreichen Kuppeln. Rund hundert Jahre hat man an ihr gebaut, bis sie 1820 fertig wurde. Sie ist die berühmteste Wallfahrtskirche Boliviens. Denn sie beherbergt die “Virgen de Copacabana”, eine Marienstatue aus dem Jahr 1583, die Wunder wirken soll und 1925 vom Vatikan heilig gesprochen wurde. Am 5. und 6. August verwandelt sich die Stadt in ein Tollhaus. Denn an diesen Tagen pilgern Tausende nach Copacabana und rutschen auf Knien zur Jungfrau. Begleitet wird der religiöse Wahn von Paraden, Prozessionen, Tänzen, Musik und unglaublich hohem Alkoholkonsum. So beschreibt es der Loose-Reiseführer.

Außerdem fahren vor der Basilika fast täglich bunt geschmückte Autos, Taxen, Lastwagen umd Busse vor. Dann kommt ein Priester und segnet die Fahrzeuge mit Weihwasser. Zum Weihwasser kippen die Besitzer der Fahrzeuge noch Bier und Schnaps in die geöffnete Motorhaube, lassen Knallkörper explodieren und besaufen sich. Durch das Ritual, Cha’lla genannt, sollen die häufig schrottreifen Vehikel ein Jahr von Pannen und Unfällen verschont bleiben. Ich sage dazu folgendes: Dass die Autobesitzer ein Rad ab haben, ist die eine Sache. Dass ein katholischer Priester den Spuk mitmacht, statt die Karren zur Inspektion zu schicken und das Einhalten der Verkehrsregeln anzumahnen wie es seine christliche Pflicht wäre, das ist die skandalöse Seite. Es zeigt sich wieder mal: Zwischen Glaube und Aberglaube gibt es keinen Unterschied.

Isla del Sol

Am Freitag buchen wir eine Halbtagestour auf die Isla del Sol. Die Sonneninsel war schon vor Ankunft der Incas ein Ort religiöser Zeremonien. Die Incas machten aus dem bergigen Eiland eine in ihrem ganzen Reich bekannte Pilgerstätte. Hier soll der Schöpfergott der Incas Sonne und Mond geschaffen haben. Und von hier aus wanderten die Gründer der Inka-Dynastie nach Cusco, um dort das Inka-Reich zu gründen. Einige Reste von Inca-Bauten sind auf der Insel noch erhalten.

Es ist uns eigentlich klar, dass es ziemlicher Blödsinn ist, nur für einen Halbtagesausflug auf die Insel zu fahren. Eigentlich sollte man auf der Insel übernachten, um ausreichend Zeit zu haben. Die Insel lässt sich prima erwandern, denn Autos gibt es nicht. Zwei Stunden braucht unser Boot schon, um ans Südende der Insel zu kommen. Dann haben wir eineinhalb Stunden Zeit auf der Insel.

Wir steigen vom Bootsanleger die so genannte Inkatreppe hoch, vorbei am Inkabrunnen. Der Weg führt weiter ins Dorf Yumani. Dort haben wir Glück. Schon von weitem hören wir Blasmusik. Es findet offenbar grade ein Dorffest statt. Frauen in farbenprächtigen Kleidern schreiten über den Platz vor der Kirche und Männer in schicken grauen Anzügen trinken Bier. Und gleich zwei Musikgruppen in Bigband-Stärke spielen abwechselnd auf. Dazu wird in Formation getanzt. Rote Bierkisten sind zu Türmen gestapelt, Männer schleppen Nachschub des Gerstensafts herbei. Ich muss an Magdalena denken und stelle mir vor, wie das Fest wohl enden wird. Noch aber ist es ein buntes, fröhliches Spektakel, dem wir gerne länger zugesehen hätten. Auf der Rückfahrt sehen wir übrigens Soldaten, die im See baden müssen. Sicher ein Vergnügen bei zehn Grad Wassertemperatur. Ein Feldwebel steht am Ufer und schwingt den Knüppel.

Still ruht der See. Das war auch schon das Erzählbare vom Titicacasee. Die restliche Zeit faulenzen wir, lesen, schreiben und blicken von der Hängematte auf die blaue Bucht. Wäre das WiFi besser als sonstwo in Bolivien, wäre der Ort perfekt. Wir überlegen, wie es weitergehen soll. Wir werden die Grenze nach Peru überschreiten, bis Cusco fahren und von dort aufbrechen nach Machu Picchu. Soviel steht fest.

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2 Kommentare zu “Copacabana, Bolivien: Still ruht der See”

  1. Renate sagt:

    Lieber Dieter, macht sich denn die Fußballweltmeisterschaft bemerkbar? Liebe Grüße An Helga. Euch eine gute Weiterreise.
    Es grüßt
    Renate und Pico

    • Dieter sagt:

      Liebe Renate, lieber Pico,
      die WM der Firma FIFA wird fleißig im Fernsehen geguckt. Im öffentlichen Raum ist allerdings wenig davon zu sehen. Keine Fähnchen an Autos oder auf Balkonen, kein “Public Viewing” und andere Aufwallungen wie in Deutschland. Alles ruhig hier. Peru spielt ja auch nicht mit.
      Herzliche Grüße
      Helga und Dieter

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