Buenos Aires, Argentinien: Der letzte Tango

Buenos Aires – ein Versprechen: Auf Tango natürlich, zudem auf eine pulsierende Großstadt mit Charme, Eleganz, Cafés und Kultur. Nach der eher gebremsten Begeisterung über La Paz und Lima – wird Buenos Aires das Versprechen einlösen?

Bevor wir die argentinische Hauptstadt genießen können, ist allerdings wieder Busfahren angesagt. Und zwar richtig langes: Auf 18 Stunden müssen wir uns einstellen für die knapp 1.200 Kilometer von Puerto Ignazú. Angesichts der Kilometerzahl ist das wenig. Auf den guten, ziemlich geraden Straßen ohne Steigungen geht es schnell voran. Am Nachmittag losgefahren, sind wir gegen acht Uhr am nächsten Morgen am riesigen Busbahnhof Retiro in Buenos Aires. Die recht bequemen Liegesitze und die wenig rumpelige Fahrt haben dafür gesorgt, dass wir sogar ein wenig geschlafen haben im Bus. Das Bordpersonal hat uns zudem verpflegt ähnlich wie im Flugzeug üblich. Es hat sich also gelohnt, dass wir die etwas teurere Buskategorie gewählt haben. Da es wieder ein bisschen zu früh ist, im Quartier aufzutauchen, bestellen wir erstmal ein Hörnchen und einen Cappuccino in einem der Cafés im Busbahnhof.

U-Bahn seit 1913

Wir nehmen dann ein Taxi zur Unterkunft. Wie in Bangkok am Flughafen geht man am Busbahnhof von Buenos Aires zu einem Schalter und bezahlt dort einen Festpreis für ein Remise-Taxi. Ein Fahrer steht dann schon bereit. Gibt ein gutes Gefühl beim Taxifahren, weil es dem Fahrer nichts bringt, ortsfremde Touristen durch Umwege Geld aus der Tasche zu ziehen. Außerdem kann man sicher sein, nur an offiziell registrierte Taxifahrer zu geraten. Remise-Taxis sind allerdings etwas teurer als die schwarz-gelben, die man am Wegesrand anhalten kann. Es überrascht uns, dass der Verkehr recht flüssig und staufrei läuft; wir hatten uns schon auf eine durch den MIV verstopfte Megacity eingestellt. Vielleicht liegt das ausbleibende Autochaos daran, dass Buenos Aires schon seit 1913 (Berlin 1906, Hamburg 1912) über ein U-Bahn-Netz verfügt. Es war das erste Lateinamerikas und der südlichen Halbkugel.

Art Factory

Unsere Unterkunft liegt im Stadtteil San Telmo und heißt “Art Factory“. Da unser Zimmer noch nicht geräumt und geputzt ist, müssen wir warten. Der Backpacker wird im Lonely Planet als “künstlerisch ausgestaltet” beschrieben und die “elegante Atmosphäre des Herrschaftshauses aus den 1850er Jahren” gepriesen. Das hat uns neben der guten Lage gelockt. Nun ja, elegant ist das alte Haus schon, und über Kunst kann man streiten. Aber dass es in unserem Zimmer so muffig riecht, liegt daran, dass manche Partien der Wände feucht sind. Das hat den einen oder anderen Schimmelpilz gefreut und bewogen, sich dort anzusiedeln. Uns freut es weniger, aber wir nehmen es hin. Sonst stimmt ja alles, und das Zimmer ist eh nur für drei Tage frei. Für die restlichen zwei Tage Buenos Aires müssen wir uns ein anderes Quartier suchen.

Großes haben wir heute nicht mehr vor, aber wir gehen am Nachmittag zur Plaza de Mayo, wo sich der Präsidentenpalast und die Kathedrale der Stadt befinden. Nur rund 15 Gehminuten liegt der Platz von der Art Factory entfernt. Wir freuen uns über Lage unserer Unterkunft beim Stadtteil Microcento. Bei der Plaza beginnt auch die bekannteste Fußgängerzone und Shoppingmeile der Stadt. Zu unserer Überraschung ist die “Calle Florida” zwar lang, aber so schmal wie ein Pendant in einer mittleren deutschen Kreisstadt. Ansonsten sind nämlich die Gebäude alles andere als bescheiden. Zwar wachsen hier keine Wolkenkratzer in den Himmel wie in New York oder Sydney, aber die prächtigen Geschäftshäuser aus der Zeit der Jahrhundertwende sind weitaus größer und höher als die Gegenstücke, die wir aus Hamburg kennen und übertreffen sogar noch das Berliner Maß.

Erfreulich: Die City wird nicht von Kaufhäusern und riesigen Shopping-Malls dominiert, sondern die Läden sind meist mittelgroß bis klein, und trotz McDonalds und manch nobler Boutique haben sich selbst hier noch Inhaber geführte Geschäfte gehalten. Etwas nervig ist, aber auch bezeichnend – Stichwort “informeller Sektor” – , sind die Männer und Frauen, die Touristen zum Geldwechseln überreden wollen. Alle zehn Meter werden wir auf “Cambio” angesprochen.

Leberwurst im La Poesia

Am Abend gehen wir los, um in unserem Viertel San Telmo noch was zu essen. Schon auf dem Weg in die Innenstadt ist uns aufgefallen, dass in Buenos Aires unheimliche viele stilvolle Cafés und Restaurants Gäste locken. Wir stoßen auf das (Eugen, aufgepasst!) “Café la Poesia” an der Kreuzung Bolivar/Chile (viele Straßen heißen nach südamerikanischen Ländern und Städten). In der Resto-Bar im alten Stil, in dem dicke Schinken über der Theke hängen und Fotos von Schriftstellern an den Wänden, bemühen sich Besitzer und Besucher um eine Atmosphäre von Intellektualität und Bohème.

Da sitzt einer beim Espresso und arbeitet, den Edding in der Hand, dicke Manuskripte durch, zwei junge Freundinnen besprechen Liebesnöte und die “Dame”, die in elegantem langen Rock, Kunstnerz-Jäckchen und hohen Absätzen über die Dielen stöckelt ist gar keine Frau, auch nicht Olivia Jones. Überraschend bodenständig ist dagegen die Karte: Unter den zahlreichen Sandwich-Varianten sticht das Wort “Leberwurst” heraus. Nun passt Leberwurst zu Kunst und Lebenskunst so gut wie Motörhead zur Bergkapelle. Deshalb bestellt sich Dieter eben jenes Sandwich mit Leberwurst, Käse und Artischockenherzen. Und die Leberwurst-Scheiben sehen so aus wie bei uns und schmecken auch so wie die von Spar oder Lidl. Mist, jetzt wollte ich das künstlerisch-bohèmehafte Buenos Aires vor dem geistigen Auge des Lesers erscheinen lassen und die Leberwurst macht alles kaputt …

Buenos Aires Free Tours

Obwohl es in Lima ja nicht so prickelnd war, steht am Mittwoch (23. Juli) unser schon fast obligatorischer Stadtrundgang auf dem Programm. Diesmal will die “Spende” die Firma “Buenos Aires Free Tours“, deren Guides in eine grüne Jacke gehüllt sind. Wir verpassen den Start der Tour, weil wir an der “Plaza de Congreso” nirgends die entsprechende Signalfarbe entdecken können. Schließlich stoßen wir doch noch auf Magdalena, die Führerin, der nur wenige Touristen folgen. Eine kleine Gruppe also, und wir hoffen, mehr mitzukriegen als in Lima, wo die Gruppe ja Schulklassenstärke (ich meine Schulklassen zu meiner Zeit, nicht die kleinen von heute) hatte. Und so ist es auch. Zur Verständlichkeit trägt auch bei, dass Magdalenas Englisch mit deutlichem spanischen Akzent spricht. Ich habe inzwischen schon mehrfach festgestellt, dass ich “unenglisch/unamerikanisch” klingende Sprecher besser verstehe, als native Speakers, die womöglich noch die Hälfte der Silben verschlucken. Zudem ist Magdalenas Vortag sehr energiegeladen, gestenreich, pointiert und witzig – manchmal schon vielleicht einen Tick zuviel.

Wir starten wie gesagt an der “Plaza de Congreso”, zweiter großer Platz in der Innenstadt. Er und die “Plaza de Mayo” sind durch die “Avenida de Mayo” miteinander verbunden, einen breiten Boulevard, der auch in Paris liegen könnte. Auf den beiden Plätzen die verschiedenen Gewalten des argentinischen Staats auch baulich gegenüber – Präsidentenpalast auf dem Mayo, Parlament auf dem Congreso. Das monumentale Gebäude, in dem Abgeordnetenhaus und Senat tagen, erinnert mit seiner 80 Meter hohen Kuppel an das Capitol in Washington. Magdalena spricht an dieser Stelle die Jahre der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 an, in denen das Parlament entmachtet war und rund 30.000 linke Aktivisten “verschwanden” und nie wieder auftauchten. Heute sind die Argentinier ein Volk, das sehr demonstrierfreundig ist, sagt Magdalena. Kaum ein Tag vergehe, an dem nicht kleinere und größere Demonstrationen vor dem Kongress oder dem Regierungsgebäude stattfinden würden.

Frei nach Dante

Nach der “Plaza de Congreso”, wo auch ein Obelisk den geographischen Nullpunkt Argentiniens markiert, gehen wir auf der Prachtstraße “Avenida de Mayo” weiter. Hier reiht sich ein riesiges historisches Geschäftshaus aus der Belle Epoque an das andere. Darin zeigt sich, dass Buenos Aires in dieser Zeit eine besonders reiche Stadt war, die zahlreiche Einwanderer aus Europa anzog. Die Bauherrn der Stadt, die seit 1880 Hauptstadt Argentiniens war, holten sich die besten europäischen Architekten, und die entwarfen Gebäude, die denen in Paris, Madrid oder Mailand ähnelten. Ein besonders spektakuläres Haus ist das “Edificio Barolo”, 22 Stockwerke und genau 100 Meter hoch. Bei seiner Fertigstellung im Jahr 1923 war es das höchste Gebäude Südamerikas.

In Auftrag gegeben wurde das Gebäude, in dessen Mitte ein Turm hochragt, von einem reichen Unternehmer, der aus Italien stammte. Geplant wurde es von dem etwas spinnerten italienischen Architekten Mario Palanti, der sich beim Entwurf von Dantes “Göttlicher Komödie” inspirieren ließ. Der untere Teil steht für die Hölle, die Spitze für den Himmel. Die Höhe entspricht den 100 Gesängen der “Göttlichen Komödie”. Magdalena erzählt uns, dass es nach dem 1. Weltkrieg den Plan gab, das Ruhestätte Dantes von Ravenna in das Gebäude in Buenos Aires zu verlegen. Zum Glück ließ man den italienischen Nationaldichter aus dem Mittelalter im Land von Pizza und Pasta. Apropos: Die Vorliebe für italienisches Essen in Argentinien wird verständlich, wenn man sich klarmacht, dass viele Argentinier italienische Vorfahren haben.

Kaffeehaus-Kultur vs. Starbucks

Wir gehen weniger Meter zum Café Tortoni. Das älteste Café von Buenos Aires wurde 1858 von einem Franzosen gegründet und ist eine Institution in der Stadt. Künstler, Politiker und andere Berühmtheiten trafen und treffen sich hier in einem noblen Ambiente, das über die Jahrzehnte kaum verändert worden ist. Heute lugen viele Touristen hinein, die nur aus sind auf ein Foto.

Wir bleiben vor der Tür, Magdalena nutzt aber die Gelegenheit, über die Rolle der Cafés, auch der weniger berühmten, zu sprechen. Für die “Portenos”, wie die Einwohner von Buenos Aires häufig genannt werden, ist das Café nach wie vor der Ort, wo man sich verabredet. Und es stört auch niemanden, wenn man zwei Stunden an einem Kaffee sitzt, weil man zuviel sabbelt, sagt Magedalena. Die meisten Argentinier pflegen noch ihre Kaffeekultur. Mit einem Pappbecher aus Togo rumzulaufen macht nur kulturloses Gesindel. Leider gibt es erste Zeichen des Kulturverfalls: Starbucks und Co. haben erste Läden in der Stadt eröffnet, konnten aber den traditionellen Cafés noch nicht wirklich etwas anhaben. Wenn man beim Bestellen nur “Kaffee” sagt, dann bekommt man einen Espresso, ansonsten auch “Solo” genannt. “Submarino” ist ein Glas heiße Milch, zu dem ein Stück Schokolade serviert wird, das man darin versenkt.

Auf dem Weg zur “Plaza de Mayo” überqueren wir “Avenida 9 de Julio”, an der auch das berühmte “Theatro Colón liegt, das Opernhaus der Stadt. Die Argentinier sind unheimlich stolz, mit der bis 140 Meter breiten Avenida 9 de Julio die breiteste Straße der Welt zu haben. Na ja, fast, denn die “Monumental Axis” in Brasilia ist viel breiter. Aber das stört die eingebildeten Argentinier nicht, sie prahlen weiterhin mit ihrer Avenida und dem Superlativ. So ungefähr jedenfalls erzählt es Magdalena. Übrigens: Wie begeht ein Argentinier Selbstmord? Er klettert an seinem Ego hoch und lässt sich runterfallen, LOL.

Protest auf der Plaza de Mayo

Auf der “Plaza de Mayo” waren wir ja schon, nun bekommen wir von Magdalena auch ein paar Erklärungen mit. Zum Beispiel, warum der Präsidentenpalast, 1873 fertiggestellt, rosa angestrichen ist und deshalb “Casa Rosada” heißt. Eine Erklärung ist, dass der damalige Präsident Domingo Faustino Sarmiento den Anstrich wählte, um die Farben der verfeindeten Unitarier und Föderalisten zu mischen und damit die Einheit des Landes zu symbolisieren. Wenn auf dem Gebäude neben der großen Landesflagge auch eine kleine aufgezogen ist, dann befindet sich die Präsidentin im Haus. Das kommt aber laut Magdalena recht selten vor. Der Präsidentenpalast ist zwar ihr offizieller Amtssitz, aber Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner arbeitet tatsächlich wohl an anderen Orten und nutzt den Palast nur zu offiziellen Anlässen.

Ich frage Magdalena nach der Beliebtheit der Präsidentin. Dabei sei das Land sehr gespalten, sagt sie, die einen verehren, die anderen verachten sie. Die neuerliche Staatspleite Argentiniens dürfte das Lager der Fans sicher nicht vergrößert haben. Sichtbare Zeichen des Niedergangs wie aufgegebene Geschäfte sehen wir nicht und verspüren auch keine depressive Stimmung in der Stadt, soweit man das als Tourist sagen kann, der kein Spanisch spricht.

Vor dem Präsidentenpalast hat die Polizei dauerhaft Absperrgitter errichtet, durch die man allerdings an ein, zwei Stellen durchschlüpfen kann. Offenbar will man sich dadurch die menschlichen Polizeiketten sparen, die bei Demonstrationen den Palast abschirmen. Rund 700 Demonstrationen hat man letztes Jahr vor auf dem Platz gezählt. Und auch wir sehen einen Pulk Menschen, die Plakate hochhalten. Durch die “Madres de Plaza de Mayo” aber ist der Platz einer der bekanntesten Protestorte der Welt. Das sind die Mütter jener Menschen, die im sogenannten “schmutzigen Krieg” während der Militärherrschaft spurlos “verschwanden”. Seit 1977 umrunden sie jeden Donnerstag für eine halbe Stunde den Platz und tragen dabei ein weißes Kopftuch. Auf dem Pflaster sehen wir stilisierte Kopftücher aufgemalt, die den Protestort der inzwischen hoch betagten und hoch geachteten Madres kennzeichnen.

Gegenüber der Casa Rosada steht das alte Rathaus der Stadt, ein vergleichsweise kleiner weiß gekalkter Bau, dessen erste Version 1725 erbaut wurde. Hier nahm 1810 die Mairevolution ihren Ausgang, als die Argentinier den letzten spanischen Vizekönig davonjagten.

Säulen-Kathedrale

Schon beim kurzen Besuch der “Plaza de Mayo” am ersten Tag haben wir uns gefragt, was wohl das Gebäude mit der klassizistischen Säulenfront sein soll, das ein wenig an die Akropolis erinnert. Wir sind erstaunt: Es ist die Kathedrale von Buenos Aires. Sieht nicht wie eine Kirche aus. Die Kathedrale wurde zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert mehrmals umgestaltet, die kirchenuntypische Säulenfront bekam sie 1823. Drin wird von zwei lebendigen Soldaten in historischen Uniformen und mit Gewehr das Grab von General José de San Martin bewacht, den Argentinier, Chilenen und Peruaner als Befreier von der spanischen Kolonialmacht verehren. Und die Kathedrale war bis 2011 Arbeitsort von Erzbischof Jorge Mario Bergoglio, heute besser bekannt als Papst Franziskus.

Die “Plaza de Mayo” ist also ein ungemein geschichtsträchtiger Ort. Ganz so schön wie die zentralen Plätze zum Beispiel in Salta, im bolivianischen Sucre oder in Cusco in Peru finden wir ihn nicht. Überhaupt haben wir den Eindruck, dass Buenos Aires nicht durch einzelne herausragende Bauten besticht, sondern die Stadt als Ganzes.

Unsere Tour endet am Obelisco auf der Avenida 9 de Julio, der 1939 zum 400-jährigen Stadtjubiläum hochgezogen wurde. Magdalena zeigt uns am Fuße der 70 Meter hohen Säule noch einige typische argentinische Gesten. Andere Länder, andere Bedeutungen: Das Auge runterziehen mit dem Finger bedeutet in Argentinien zum Beispiel nicht Ironie, sondern “Sei vorsichtig!”. Deutsch-argentinisch gedeutet also “Vorsicht, Ironie!” – dachte ich mir grade so.

Blockweise

Nachdem wir am Vortag durch den Stadtrundgang nicht nur etliche Sehenswürdigkeiten abgehakt, sondern auch recht viel über die Argentinier in ihrer Ausprägung als Einwohner von Buenos Aires erfahren haben, machen wir uns am Donnerstag wieder auf eigene Faust auf Entdeckungstour. Nicht ganz zielstrebig, aber auch nicht planlos. Da die einzelnen Stadtteile von Buenos Aires jeweils einen ganz eigenen Charakter haben, wollen wir mal nach Palermo und La Boca fahren. Zuvor wollen wir allerdings noch übrig gebliebene Sol aus Peru und Real aus Brasilien in argentinische Pesos umtauschen. Gar nicht so einfach, denn die allermeisten Banken tauschen keine Währungen. Wir müssen zu einer speziellen Bank, die das macht.

“Drei Blocks links, zwei rechts”, erklärt man uns. So lauten die Wegbeschreibungen, wenn man Portenos fragt. Denn wie viele andere südamerikanische Städte auch, ist Buenos Aires im Schachbrettmuster angelegt. Die Quadrate haben eine Seitenlänge von 100 Metern, und pro Quadrat springen die Hausnummern in Hunderter-Schritten rauf oder runter, egal wieviel Häuser tatsächlich stehen. Wenn man das mal begriffen hat, findet man sich in Millionenstadt auch zurecht, wenn man nicht auf den Stadtplan schaut. Buenos Aires im engeren Sinne hat rund drei Millionen Einwohner und ist flächenmäßig deutlich kleiner als Hamburg. Im gesamten Ballungsraum leben rund 13 Millionen Menschen, also mehr als jeder vierte Einwohner des riesigen Landes Argentinien. Schon allein das macht die dominierende Stellung der Stadt deutlich und ihre ungeheure Anziehungskraft.

Bus 29

Helga hat gelesen, dass die Buslinie 29 die meisten sehenswerten Stadtteile verbindet. Da man offenbar in den Bussen keine Einzelfahrkarten kaufen kann, wollen wir uns eine “Sube-Karte” besorgen. Das ist eine Plastikkarte, die man aufladen und dann in den verschiedenen Verkehrsmitteln benutzen kann. Doch so einfach an einem Fahrkartenschalter besorgen kann man sie nicht. Man schickt uns wieder etliche Blocks weiter zu einer zentralen Ausgabestelle, wo man eine Wartenummer ziehen muss und dann nach Vorlage eines Reisepasses die Karte erhält. Aufladen kann man sie dort allerdings nicht, sondern das muss man zum Beispiel wieder an einem Schalter in einer U-Bahn-Station machen. Ganz schön umständlich manchmal, die Argentinier.

Es ist schon früher Nachmittag als wir in den Bus 29 einsteigen. Es ist üblich, sich an der Bushaltestelle gleich hintereinander in Reih und Glied aufzustellen. Ein undiszipliniertes Gedränge wie in deutschen Landen gibt es hier nicht. Damit der Bus an einer bestimmten Haltestelle auch hält, gibt man ein Handzeichen. Gute Sitte scheint auch zu sein, älteren Leuten einen Sitzplatz anzubieten. Auch das ist ja nicht Deutschland inzwischen nicht mehr selbstverständlich. Bevor Nachfragen kommen: Für uns wurde selbstverständlich kein Platz geräumt … ;-)

Palermo und La Boca

Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt steigen wir an der “Plaza Italia” aus. Wenn man von hier nicht in den Zoo oder den Japanischen Garten geht, sondern in die entgegengesetzte Richtung, dann ist man im Wohnviertel Palermo. Wir gehen allerdings erstmal gar nicht, denn noch an der Plaza Italia überwältigt uns der Hunger. Kein Problem in Buenos Aires, denn aller paar Meter stößt man auf eine einladende, stilvolle Restobar, mal eher modern, mal ganz altmodisch. In Hamburg muss man dergleichen ja suchen, in Buenos Aires schöpft man aus dem Vollen. Nach der Stärkung schlendern wir durch die Straßen Palermos. Einst ein Arbeiterstadtteil ist es heute ein Quartier der gut verdienenden Mittelschicht. Recht niedrige Häuser mit teilweise bunten Fassaden, einige Straßen noch mit Kopfsteinpflaster, am Straßenrand alte Bäume, an fast jeder Ecke ein Café – kein Wunder, dass der Stadtteil attraktiv ist. In einer Ecke Palermos konzentrieren sich auch Bars und Restaurants, die das Viertel zum beliebten abendlichen und nächtlichen Ausgehort machen. Die Straßen, die wir sehen, empfinden wir eher als gediegen und nicht als überoberchic. Wir vergleichen mit Hamburger Stadtteilen: Sagen wir, Palermo könnte so Richtung Eimsbüttel gehen mit Tendenzen zu Eppendorf.

Wir nehmen dann den 29er-Bus in die andere Richtung und lassen uns nach La Boca transportieren. Der Stadtteil am Hafen entstand im 19. Jahrhundert als viele italienische Zuwanderer sich hier ansiedelten. Heute ist La Boca Ziel von Millionen Touristen. Allerdings trifft das nur auf eine kleine Ecke des Stadtteils um die Straße Cominito zu, an der bunt bemalte Häuser stehen. Sie gehen auf Künstler zurück, die vor einigen Jahrzehnten die damals heruntergekommene Gegend mit dem Farbeimer aufmöbelten.

Die bunten Häuschen sind allerdings heutzutage allzu offenkundig für die Kameras der Touristen zurechtgemacht, damit die ihr Postkartenmotiv finden. Und von den Balkonen schauen Pappmaché-Figuren auf die Besucher herab, vom Papst bis zur Prostituierten. Der Mythos, dass hier der Tango erfunden worden sei, wabert ebenfalls herum. Das wirkt alles so, wie wenn man auf St. Pauli noch ein bisschen Seefahrer-Romantik vorspielt und Hans Albers nicht nur um halb Eins aus den Lautsprechern tönt. Einmal durchlaufen genügt, man kann es aber auch ganz bleiben lassen. Außerhalb der kleinen touristischen Ecke soll La Boca übrigens durchaus mit runtergezogenem Augenlid zu betrachten sein. “Raue Sitten” würden hier herrschen, warnt der “Lonely Planet”, und manche Straßen gelten als No-Go-Zone für Touristen.

Am Freitag ziehen wir um. Helga hat für die letzten beiden Tage in Buenos Aires noch ein netten Plätzchen aufgetan, in fußläufiger Entfernung von der Art Factory. “Lina’s Tango Guesthouse” sieht zwar von außen unscheinbar aus, drinnen verbirgt sich allerdings ein überaus schnuckeliges Bed & Breakfast mit wenigen Zimmern, die um einen mehrfarbig gestrichenen Innenhof liegen. Lina stammt aus Kolumbien und ist selbst aktive Tango-Tänzerin. Wer will, kann sich von ihr in den argentinischen Trademark-Tanz einführen lassen. Dieter scheut das, denn er kann ja nicht mal Foxtrott oder andere hiesige Standard-Tänze.

San Telmo

Unsere neue Unterkunft liegt noch etwas tiefer im Stadtteil San Telmo, den wir tagsüber noch nicht so richtig erkundet haben. Das holen wir nach. San Telmo gilt als das älteste Viertel der Stadt. Im 19. Jahrhundert bauten hier Menschen aus der Mittel- und Oberschicht hübsche Häuser. Nach einer Cholera- und Gelbfieber-Epedemie verließen die Wohlhabenden allerdings die Gegend und zogen in die weiter nördlich gelegenen Stadtteile Recoleta und Palermo. Anschließend rückten wenig begüterte Einwanderer hauptsächlich aus Italien nach, und die noblen Häuser wurden zu Massenquartieren mit gemeinsamen Bädern und Küchen. Das lebendige, aber auch ziemlich heruntergekommene Viertel zog dann in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Künstler und Lebenskünstler an, und San Telmo wurde wieder in. Ein Prozess, den wir auch in Hamburg und anderen deutschen Städten kennen. Wenn wir durch die Straßen gehen, können wir die Anziehungskraft verstehen: Kopfsteinpflaster, wunderschöne alte Häuser, denen bröckelnder Putz nur noch mehr Aura gibt, zahlreiche kleine Geschäfte und Cafés. Und das alles nur eine Viertelstunde zu Fuß von den Hauptgeschäftsstraßen der City entfernt.

In den letzten Jahren tragen trendige Kleiderläden sowie Trödel- und Antiquitätengeschäfte zum Flair San Telmos bei. Einige Trödelläden finden wir in der alten Markthalle, und rund um die “Plaza Dorrego” zieht sonntags ein überaus populärer Antikmarkt tausende Besucher an. Klar, dass dann dort auch Tango getanzt wird. Und schade, dass wir das nicht mehr mitkriegen. Doch auch heute am Freitag können wir auf der Plaza Dorrego Kunsthandwerk kaufen, und im Freien Kaffee trinken, ein hübscher Ort. Und am Rande des Platzes hat sich tatsächlich ein Paar aufgestellt, das die berühmten Tanzschritte wagt. Wahrscheinlich werden die von den Besitzern der umliegenden Lokale und Geschäfte bezahlt. Ansonsten kann es durchaus passieren, dass selbst in den Einkaufsstraßen der Innenstadt Paare spontan zu erotischen Verrenkungen ansetzen, die sich meist als Tango herausstellen.

Tickets für die Tangoshow

Apropos Tango: Wir wollen am Samstagabend unsere Reise mit einer Tango-Show beschließen. Dabei hat man in Buenos Aires natürlich die Qual der Wahl. Wir wollen auf jeden Fall keine überkandidelte Touristenshow sehen. Andererseits muss man sich klarmachen, dass die Tango-Shows nun eben hauptsächlich für Touristen sind. Einheimische gehen in Milongas, das sind Lokale, in denen sie zu Tangomusik selbst tanzen. Zuvor finden oft Tangokurse statt. Wir holen am Freitag Karten für die Tangoshow im “Taconeando“, nur ein paar Straßen von unserer Unterkunft entfernt.

Am Wochenende wird in San Telmo nicht nur Tango getanzt, sondern auch in zahlreichen Bars und Restaurants Live-Musik gespielt. Das reicht vom einsamen Jungen mit der Gitarre bis zu lautstarken Rock-Band oder Flamenco. Uns kobert am Freitagabend eine junge Dame auf der Plaza Dorrego an für eine Flamenco-Darbietung. Eintritt ist frei, dafür zahlen wir für das mäßige Essen recht viel. Die Show allerdings kann sich durchaus sehen und hören lassen. Dieter hängt bewundernd an den Fingern des Gitarristen, und Helga gefallen die jungen Männer im Anzug und mit langen, schwarzen Haaren, die bei den Tanzeinlagen leidenschaftlich auf die Bretter der Bühne trampeln und ein Gesicht machen, das die Wichtigkeit ihrer Existenz ausdrücken soll.

Bücherregale im Theater

Für Samstag tagsüber haben wir kein großes Programm mehr vor. Eins wollen wir uns allerdings noch anschauen. Nein, nicht das Grab von Evita auf dem “Cementerio de la Recoleta”. Wir neigen ja nicht zur Heldenverehrung, obwohl der Friedhof an sich ja durchaus sehenswert gewesen wäre. Na ja, beim nächsten Besuch der Stadt oder im nächsten Leben. Was wir uns anschauen ist “El Ateneo Grand Splendid”. Das ist eine riesige Buchhandlung, die in einem ehemaligen Theater aus den zwanziger Jahren untergebracht ist, das später zum Kino umgewandelt wurde. Im Jahr 2000 wurden die Sessel des Zuschauerraums herausgerissen und durch Bücherregale ersetzt. Auch die Ränge sind jetzt mit bedrucktem Papier gefüllt. In den Logen kann man auf alten Theatersesseln schmökern. Die Bühne ist zum Café der Buchhandlung umfunktioniert. Da die baulichen Details aus der Theater- und Kinozeit erhalten geblieben sind, einschließlich des Bühnenvorhang und einem imposanten Deckengemälde, fühlen wir uns auch mehr im Theater als in einer Buchhandlung. Ich bin sicher, dass die viele, wenn nicht die meisten in den Laden kommen, um zu gucken und nicht um Bücher zu kaufen.

Tacoeando

Am Abend steht dann unsere Tangoshow an. Wir trudeln gegen 21 Uhr im Tacoeando ein, denn wir haben die Show einschließlich Dinner gebucht. Der Laden ist klein und plüschig, und bisher sind nur wenige Tische besetzt. Das Drei-Gänge-Menü mit Rindersteak, Hähnchen oder Pasta ist keine kulinarische Offenbarung, aber in Ordnung – mehr hatten wir zu dem mäßigen Preis auch nicht erwartet. Nach und nach werden immer mehr Tische besetzt, und bis zum Showbeginn um halb Elf ist der Saal dann fast voll. An der schwarzen Bühnenwand nehmen dann zunächst die Musiker Platz. Ganz links die Dame mit der Violine, daneben der alte Herr, der das Bandoneon (eine Erfindung des Deutschen Heinrich Band) spielt, einen weiter der Klavierspieler, der einen sehr kleinen Flügel bedient und ganz rechts der Nicht-Chinese mit dem Kontrabass. Das ist eine dem Ort angemessene kleine Besetzung. Im “Goldenen Zeitalter des Tangos” von den 30er bis zu den 50er Jahren tönten Orchester, die aus bis zu hundert Musikern bestanden.

Im Folgenden wechseln Gesangsdarbietungen und Tanzeinlagen einander ab. Der Gesang kommt natürlich nicht ohne Schmelz und Pathos aus, denn vermutlich geht es um den armen jungen Mann im Schmelztiegel der Großstadt, um Argentinien, das Vaterland und um – natürlich – die Liebe. Die Musik dazu changiert zwischen sentimental und schmissig und verfällt nur selten in den Klischee-Rhythmus a la Lindenbergs “Rudi Ratlos”. Insbesondere der Alte mit dem Bandoneon reißt immer wieder mit. Das kleine Instrument mit den wenigen Knöpfen sieht ja so aus, als wäre es einfach zu spielen. Ist es aber nicht, denn der Spieler muss anders als beim Akkordeon auch auf die Zugrichtung achten, da die für unterschiedliche Töne pro Knopf sorgt.

Der letzte Tango

So erleben wir einen unterhaltsamen Abend. Am Schluss wird natürlich noch das Publikum einbezogen. Zunächst dadurch, dass alle nach ihrer Herkunft gefragt werden. Es zeigt sich, dass bis auf unseren und einen Tisch mit US-Amerikanern alle aus Argentinien oder anderen südamerikanischen Staaten kommen. Dann fordern die männlichen Tänzer Damen aus dem Publikum zu einem Tango auf der Bühne auf. Helga kommt so dazu, von einem professionellen Tänzer behutsam geführt zu werden. Anschließend fordern die Tänzerinnen Männer aus dem Publikum auf. Auch Dieter wird gefragt. Obwohl es ja eine Ehre sein sollte, scheut Dieter die Peinlichkeit und gibt der sexy Dame in dem roten Kleid einen Korb. Erst recht peinlich.

Mit dem letzten Tango im überaus vitalen Buenos Aires endet unsere Weltreise. Ein Abschluss mit Schwung. Am Sonntag fliegen wir zurück über London nach Hamburg. Und am frühen Montagabend (28. Juli 2014) öffnen Helga und Dieter nach zehn Monaten in der Ferne wieder ihre Wohnungstür in der Dorothea-Gartmann-Straße Nummer 1 in Wilhelmsburg. Und ich verrate damit kein Geheimnis, dass dieser Beitrag nicht auf dem treuen iPad-Mini, sondern nachträglich am heimischen Rechner entstanden ist.

Ein Fazit der Reise? Vielleicht später mal.

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4 Kommentare zu “Buenos Aires, Argentinien: Der letzte Tango”

  1. Peter Schweer sagt:

    Das war schön. Schade, dass es vorbei ist! Vielen Dank, Dieter!

    • Dieter sagt:

      Vielen Dank auch dir, Peter, denn Du und Eugen wart die fleißigsten Kommentatoren. Es ist für Schreiber schon sehr wichtig, nicht völlig ins “Leere” zu schreiben. Wir sehen uns (wahrscheinlich) morgen.

  2. Eugen sagt:

    Gänsehaut! Herzlich Willkommen wieder zu Hause! Und vielen vielen Dank für die tollen Eindrücke in Wort und Bild!
    Leberwurst im la Poesia – da sieht man mal, wie bodenständig die Poeten eigentlich sind. Wenn sie nicht gerade verträumt in transzendenten Sphären weilen…;-)
    Mein Lieblingssatz diesmal:
    “die jungen Männer im Anzug und mit langen, schwarzen Haaren, die bei den Tanzeinlagen leidenschaftlich auf die Bretter der Bühne trampeln und ein Gesicht machen, das die Wichtigkeit ihrer Existenz ausdrücken soll.”
    Kommt gut und sachte an…

    • Dieter sagt:

      Vielen Dank auch dir, Eugen, für die zahlreichen Kommentare. Auch auch der letzte zeigt, dass auch umständlich formulierte Ironie verstanden wird. Bis morgen wahrscheinlich.

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